Box-WM Ein Volksheld geht zu Boden
Hannover - Die beiden älteren Herren vom Fachmagazin "Boxsport" hatten genug gesehen. Vor Beginn der neunten Runde des WM-Kampfes im Halbschwergewicht zwischen WBO-Champion Dariusz Michalczewski und Herausforderer Graciano Rocchigiani erhoben sie sich von ihren Sitzen. Die Legitimation für das vorzeitige Verlassen der Halle fiel knapp aus: "Das Ding ist gelaufen."
Was einige der Umsitzenden zunächst irritierte, fand keine drei Minuten später Bestätigung im Ring. Zunächst erwischten "Rocky" zwei kräftige Haken Michalczewskis an Kopf und Körper, dann traf eine Linke des "Tigers" die Leber des Berliners. Die Luft blieb weg, "Rocky" strauchelte und ging erstmals in seiner 17-jährigen Karriere zu Boden. Zwar stand der Herausforderer kurze Zeit später wieder auf den Beinen und brachte die neunte Runde noch über die Zeit, doch in der Pause entschied sich Rocchigianis amerikanischer Coach Emanuel Steward zur Aufgabe.
Schon in den Runden zuvor war Michalczewski vor 12.600 Zuschauern in der ausverkauften "Preussag-Arena" der aktivere Boxer, schneller auf den Beinen und "wirkte immer dynamischer", wie sein Coach Fritz Sdunek später befand, "wir haben Rocky im Prinzip mit seiner eigenen Taktik geschlagen." Im vorsichtigen Vorwärtsgang und aus einer sicheren Deckung operierend, konterte der "Tiger" die mit zunehmender Dauer schwerfällig wirkenden Aktionen seines fünf Jahre älteren Gegners aus und setzte Treffer.
Mit dieser Kampfweise eroberte sich der Michalczewski zumindest teilweise den Respekt zurück, der ihm von der deutlichen Mehrheit des Publikums massiv verweigert worden war. Als sein Widerpart um 22.52 Uhr am Samstagabend als erster seinen Weg Richtung Ring machte, stand die Halle Kopf und der überwiegende Teil der Zuschauer johlend auf den Stühlen. Doch die "Rocky, Rocky"-Rufe drehten sich urplötzlich in ein gellendes Pfeifkonzert, als Ringsprecher Jimmy Lennon Jr. den Einmarsch des Titelhalters ankündigte.
Hinterher sprach Michalczewski davon, dass ihm die fortlaufenden Unmutsäußerungen während des Kampfes sehr geholfen hätten. Dem Gesichtszug, den er dabei machte, war dabei die ganze Genugtuung darüber anzusehen, den Helden des Volkes auf die Bretter geschickt, ein für allemal abgerechnet zu haben. Es war die finale Rehabilitierung für den Fight vor vier Jahren, als am Hamburger Millerntor nur eine umstrittene Disqualifikation Rocchigianis den WM-Gürtel im Besitz des "Tiger" ließ.
Was Graciano Rocchigiani im Ring nicht wirklich hatte bieten können, lieferte er auf der Pressekonferenz nach. Während die anderen Beteiligten ihre Ausführungen beendet hatten, und nur noch Rockys Coach Emanuel Steward die Anwesenden zum etwa sechsten Mal mit der jenseitigen These nervte, er habe soeben einen der besten Kämpfe seiner Trainer-Laufbahn gesehen, ließ der Herr aus Berlin auf sich warten. Doch als er nach Dopingkontrolle und frischgeduscht dann endlich im stahlblauen Einreiher und mit anständigen Nasen-Cut auf dem Podium Platz nahm, stieg der Stimmungspegel um Punkt 1 Uhr noch einmal schlagartig an.
Im Idiom des Westberliner Kiezes antwortete "Rocky" auf die Frage, ob er wegen des Kampfausganges enttäuscht sei: "Nee, war schön." Wie er sich seine Beliebtheit beim Publikum erkläre, wollte ein anderer Reporter wissen. "Ich glaube, ich biete ehrlichen Sport. Und die Leute mögen mich auch, weil ich immer ehrlich meine Meinung sage." Ob dies sein letzter Kampf gewesen sei? "Man hat mich schon oft abgeschrieben, und man soll das wieder machen." Und schließlich revanchierte er sich mit dem ihm eigenen Charme auch noch einmal bei Michalczewski: "Er ist zwar ein dummer Pole, aber er hat heute besser jeboxt." Antwort Dariusz: "So hast du ganze Zeit schon Werbung für den Kampf gemacht." - "Na dann, bedank Dich!" - "Ich danke Dir."
Doch so sehr Graciano Rocchigiani auch knurrig umherwitzelte, von dem "höllischen Tempo" im Kampf zu berichten wusste, dem er Tribut habe zollen müssen, war ihm in jedem seiner Sätze anzumerken, wie sehr ihn die neuerliche Niederlage gegen den "Polen" schmerzte. Als sein Kontrahent Fragen zu künftigen Kämpfen gegen Roy Jones Jr. ausweichend beantwortete, rauschte Rocky dazwischen: "Daran sieht man, dass du ein dummer Pole bist." Das war dann doch zuviel für das Nervenkostüm des Weltmeisters. Kopfschüttelnd erklärte er: "Alles klar, ich bedanke mich." Stand auf und ging.