Box-WM Klitschkos Wut auf den Tyson-Bezwinger
Las Vegas - Danny Williams ist der Mann, der Witalij Klitschkos Traum vom großen Kampf zerstörte. Der 31-jährige Engländer besiegte im vergangenen Juli Mike Tyson, für den er eigentlich nur ein Aufbaugegner vor dessen Duell gegen Klitschko sein sollte. Doch Williams schlug, nachdem er in der ersten Runde ein Schlaggewitter über sich ergehen lassen musste, Ex-Champion Tyson in der vierten Runde K.o. und sorgte mit seinem beherzten Auftritt für die Box-Überraschung des Jahres.
Nun kann Williams seiner Saison die Krone aufsetzen, wenn er in der Nacht zum Sonntag gegen den WBC-Schwergewichtsweltmeister Klitschko um den WM-Gürtel kämpft. Der in Los Angeles lebende Ukrainer ist auf seinen Gegner nicht allzu gut zu sprechen. "Williams hat meinen Traum zerstört, gegen Tyson zu kämpfen, jetzt werde ich seinen Traum zerstören, den WM-Titel zu holen", brummte Klitschko während des Wiegetermins im Casino des Mandalay Bay Hotels in Las Vegas. "Wenn ich die Möglichkeit habe, werde ich Williams umhauen. Der Kampf wird nicht über zwölf Runden gehen."
Die Wettbüros halten Klitschko (34 Siege - 2 Niederlagen, 33 Knock-outs) für den 4:1-Favoriten, doch Williams (32-3, 27 Knock-outs) rechnet sich gegen den 15 Zentimeter größeren Weltmeister dank seines Kampfgeistes einiges aus. "Der Schlüssel zum Erfolg sind Hunger und Begierde. Ich habe verdammten Hunger. Ich bin ein Krieger. Ihr habt mich doch gegen Tyson boxen sehen", so Williams.
112 Sparringsrunden
Hungrig waren beide Kämpfer im Vorfeld des Kampfes auf jeden Fall. Mit einem kombinierten Gewicht von 234 Kilogramm übertrafen die beiden den bisher aufgestellten Rekord von 227 Kilogramm beim Lewis-Klitschko-Kampf aus dem Jahr 2003. Mit seinen 121,5 Kilo ist Williams zudem der schwerste Titelkämpfer seit Primo Carnera, der 1934 genauso viel wog.
Dass neben den vielen Sparringsrunden auch extra Futtereinheiten eingelegt wurden, wurde nicht bestätigt. Klitschko-Betreuer Fritz Sdunek verspricht einen Kämpfer in Topform. "Boxerisch werden wir den besten Witalij erleben, den es je gab", so Sdunek. 112 Sparringsrunden mit sechs Gegnern habe sein Schützling absolviert. In Klitschkos bisherigen Vorbereitungen waren es nie mehr als 80, die Zahl der Trainingspartner lag bei maximal vier. "Wir haben mehr als üblich an der Technik und Bewegung gearbeitet", verriet Sdunek.
Trotz aller Zuversicht ist man im Klitschko-Lager vorsichtig. Besonders nach den mysteriösen Ereignissen während und nach der K.o.-Niederlage von Wladimir Klitschko gegen Lamon Brewster im April 2004, als Klitschko im Ring einen unerklärlichen Schwächeanfall erlitt und in den Medien anschließend das Gerücht kursierte, er sei von K.o.-Tropfen ausschaltet worden. Deshalb sind für den Kampf im Mandalay Bay Casino acht Detektive im Einsatz, die dafür sorgen sollen, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
"Will meinen Landsleuten den Titel schenken"
"Bessere Schutzvorkehrungen kann man nicht treffen", verspricht Marc Ratner von der Nevada-Box-Kommision, die den Kampf organisiert. Dennoch wird Sdunek das Essen und die Getränke für seinen Schützling nicht aus den Augen lassen. Der Coach wird am Nachmittag des Kampfes sogar selbst losziehen, um die benötigten Wasserflaschen und Eiswürfel einzukaufen.
Für Klitschko bedeutet die Titelverteidigung gegen Williams mehr als einen großen Zahltag. 3,5 Millionen Dollar plus Einnahmen des Bezahlfernsehens sind als Gage ausgelobt. Herausforderer Williams erhält 300.000 Dollar. Doch nicht nur das Geld motiviert den Titelträger. "Der Gewinn des WM-Gürtels war schwer. Ihn zu verteidigen, ist noch schwerer", so der Ukrainer, "doch ich bin mit einer Mission angereist, die mir hoffentlich den Sieg beschert: Ich will meinen Landsleuten den WM-Titel schenken."
Die politischen Unruhen der letzten Wochen in der Ukraine sind auch an Klitschko nicht spurlos vorüber gegangen. Im Trainingslager in Los Angeles gab es immer die gleichen Abläufe: Nach dem Aufstehen um 6 Uhr morgens ging es erst einmal an den Computer, um sich im Internet über die neusten Ereignisse aus der Heimat zu informieren. "Ein Großteil meiner Familie und meiner Freunde leben dort", sagte der Zwei-Meter-Hüne. "Die politischen Vorgänge in der Ukraine treffen mich ins Mark. Um ein Haar hätte ich den Kampf verschoben und wäre heim geflogen."