Box-WM: Tiger-Comeback im Ringstaub - DER SPIEGEL
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Box-WM Tiger-Comeback im Ringstaub

Er wollte noch mal Weltmeister werden, doch stattdessen wurde er mit einer rechten Geraden in den Ruhestand befördert: Dariusz Michalczewski, genannt der "Tiger". Sein Gegner, der Franzose Fabrice Tiozzo, war dem 36-Jährigen in allen Belangen überlegen - und fügte dem Polen die erste K.O.-Niederlage in dessen Karriere zu.
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Hamburg - Mit Vorher-Nachher-Bildern ist das so eine Sache. Sie leben vom Kontrast und sind Sinnbild von Veränderung. Meist zeigen sie am Ende glückliche, schlanke und erfolgreiche Menschen, die vorher wahlweise unglücklich, verlottert oder erfolglos waren. Manchmal sind die unglücklichen Menschen aber auch auf den späteren Bildern zu sehen. Im Fall des Boxers Dariusz Michalczewski haben sie traurige Augen und Blutergüsse im Gesicht.

"Ich bin sehr enttäuscht", sagt Michalczewski, der sich selbst "Tiger" nennt. Es ist nach Mitternacht in einer hoch gelegenen Bar der Colorline-Arena in Hamburg, und Michalczewski sieht aus wie jemand, dessen Träume gerade geplatzt sind. Der 36-Jährige wollte an diesem Abend wieder Weltmeister werden im Halbschwergewicht, dafür hat er fünf Monate trainiert. So hart wie nie. Er wollte dem Franzosen Fabrice Tiozzo den WM-Titel nach WBA-Version abnehmen. Doch aus dem Plan wurde nichts. Michalczewski spricht von "vielen Aufwärtshaken" des Weltmeisters, er redet von seinen Söhnen, seiner Frau und den vielen Fans, die er enttäuscht habe.

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Box-WM: Prügelstrafe für den "Tiger"

Foto: REUTERS

Vor 16 Monaten hatte er an gleicher Stelle seine größte, weil einzige Niederlage einstecken müssen. Nach 48 Kämpfen und neun Jahren ohne Niederlage verlor der Pole damals gegen den Mexikaner Julio Cesar Gonzalez seinen WM-Titel der WBO. Der Auftritt gegen den tätowierten Tiozzo, mit 35 nur ein Jahr jünger als Michalczewski, bildete jedoch den Tiefpunkt einer Profikarriere mit 50 Kämpfen und 27 Weltmeisterschaftsduellen: Zum ersten Mal ging der Mann aus Danzig K.O.

Survivor vs. Rammstein

Drei Stunden zuvor flimmern noch Bilder eines anderen Michalczewski über die Großbild-Monitore der ausverkauften Colorline-Arena. Sie zeigen den "Tiger" während des Höhentrainingslagers im polnischen Zakopane, beim entspannten Plausch in der Kabine mit Schauspieler Till Schweiger, oder frisch frisiert auf einem Hochglanzplakat. Ganz Hamburg war in den Wochen vor dem Kampf mit diesen Plakaten zugepflastert, auf denen Michalczewski siegesgewiss lächelt - und unversehrt ist.

Am Ende kommt alles anders. Und eigentlich kündigt bereits die Einlaufmusik vom nahenden Debakel. Michalczewski bleibt bei Althergebrachtem, "Eye of the Tiger" dröhnt aus den Boxen, Survivor. Ein Song, der schon im Boxermelodram "Rocky" rauf und runter gedudelt wurde und dem 36-jährigen "Tiger" seit einem Jahrzehnt auf dem Weg zum Ring als musikalisches Aufputschmittel dient. Immerhin: Für eine Gänsehaut und frenetischen Jubel bei 16.000 Fans reicht es immer noch.

Als Tiozzo die Halle betritt, schlagen ihm Buhrufe aus tausenden Kehlen entgegen. Doch nicht lange. Die Missfallensbekundungen werden erstickt durch krachende Gitarren, ohrenbetäubende Bässe und tiefen Stakkato-Gesang: "Bang Bang, Feuer frei!", knallt es aus den Boxen wie eine links-rechts-links-Kombination. Der Weltmeister beweist Witz und setzt gegen Michalczewkis Oldie aus den Siebzigern Hardrock aus dem 21. Jahrhundert: Rammstein - eine, welch Ironie, deutsche Band.

Auch im Ring zeigt Tiozzo von Beginn an, wer auf der Höhe der Zeit ist. Schon in der ersten Runde überrascht er den passiven Michalczewski mit zwei Kombinationen, der früher so aggressive "Tiger" bewegt sich eher wie ein zahmes Raubtier aus dem Streichelzoo. Durchs Publikum geht ein erstes Raunen, das erst nach dem Gong zum Gelächter wird - ein Nummerngirl wird namentlich vorgestellt. Es heißt Ramona.

Tiozzo fällt nicht

Ramona, rotes Kleid, bringt Michalczewski Glück, denn in Runde zwei landet der Pole seinen ersten Wirkungstreffer am Kinn des Gegners. Jubel brandet auf. Links-rechts-links, ein Uppercut, ein linker Jab - die große polnische Fraktion unter den Zuschauern feiert den Landsmann im Ring, als habe er bereits den WM-Titel sicher. Tiozzos Antwort vor dem Runden-Ende: Eine rechte Gerade. Die dritte Runde bleibt ausgeglichen, beide Kontrahenten treffen, punkten und stecken ein. Neun Minuten sind insgesamt geboxt, der Kampf ist ausgeglichen, das Publikum zufrieden. Nummerngirl Nummer 3 heißt Daniela.

Der folgende Durchgang scheint die Wende für den Ex-Weltmeister zu bringen. Zwar macht Michalczewkis Kinn erneut empfindliche Bekanntschaft mit Tiozzos rechter Geraden, doch der Herausforderer fängt sich und attackiert seinerseits. Vier, fünf schnelle Rechte, der Weltmeister wankt. "Dariusz"- und "Tiger"-Rufe schallen durch die Halle, mit jedem Treffer scheint Michalczewski den Lautstärkeregler nach oben zu schieben. Doch Tiozzo fällt nicht.

Die fünfte Runde geht wieder an den flinken Franzosen. Mit links-rechts-Kombinationen, die Trainer Fritz Sdunek eigentlich seinem Schützling verordnet hatte, zermürbt der Weltmeister seinen Konkurrenten, trifft ihn immer wieder entscheidend an den empfindlichen Augenpartien. Der Anfang vom Ende. Dann hat wieder Ramona ihren Auftritt. Sie hält das Schild mit der Nummer 6 in der Hand. Diesmal bringt sie dem "Tiger" kein Glück.

Technischer K.O. nach 2:05 Minuten

Gezeichnet von vielen Wirkungstreffern rappelt sich Michalczewski auf. Es ist die letzte Runde dieses Kampfes - und vielleicht die finale seiner Karriere. Wieder bleibt der Pole zu passiv, steckt ein, kann nicht kontern. Er verliert seinen Mundschutz, später wird Michalczewski sagen, er habe damit Zeit gewinnen wollen. Doch vergeblich: Eine rechts-links-rechts-Kombination schickt den einst besten Halbschwergewichtler der Welt zu Boden. Kurze Zeit später beendet Ringrichter Stan Christodolou den Kampf. Technischer K.O. nach 2:05 Minuten.

Noch im Ring bedankt sich der "Tiger" für die Unterstützung durch die Fans. "Es tut mir leid, dass ich verloren habe. Aber ich fühle mich als Sieger, weil Ihr mich so unterstützt habt", ruft Michalczewski ins Mikrofon. Der Mann, den die Deutschen nie so liebten wie den rauen Graciano Rocchigiani und nie so achteten wie den Box-Bürokraten Henry Maske, zeigt in der Niederlage Größe. Dann umarmt er erst Tiozzo, dann seinen Promoter Klaus-Peter Kohl und steigt aus dem Ring.

Wahrscheinlich zum letzten Mal.