Box-WM: Weltwunder Walujew in Gefahr - DER SPIEGEL
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Box-WM Weltwunder Walujew in Gefahr

Box-Riese Nikolaj Walujew tritt ausnahmsweise gegen einen gefährlichen Gegner an. Der Schwergewichts-Champion hat Schwächen - der morgige Kampf gegen Tschagajew wird zur wichtigen Vorentscheidung für einen möglichen Showdown mit Wladimir Klitschko.
Von Susanne Rohlfing
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Stuttgart - Wenn Nikolai Walujew mit freiem Oberkörper und blankem Schädel in den Ring steigt, 2,13 Meter groß, massig, unförmig und ungelenk, drängt sich bibelfesten Zuschauern schnell ein Vergleich auf: So also könnte Goliath ausgesehen haben, der riesige Krieger, der im Alten Testament von David per Steinschleuder bezwungen wurde. Schnell schließt sich die Frage an: Wo bleibt bloß der David des Schwergewichts?

In 47 Profikämpfen hat noch niemand Walujew zu Fall bringen können - dabei agiert der 34-Jährige aus St. Petersburg boxerisch eher unter dem Durchschnitt, der im Schwergewicht momentan ohnehin nicht sehr hoch ist. Kraft seiner Masse zermürbt Walujew den Gegner, der in der Regel wegen eklatanter Reichweiten-Nachteile seine Fäuste kaum in die Nähe des Kinns bringt.

Am Samstagabend will der Russe in Stuttgart seinen WM-Titel nach WBA-Version gegen den Usbeken Ruslan Tschagajew verteidigen (22.40 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE). Der ist in 22 Profikämpfen ungeschlagen, aber 27 Zentimeter kleiner und 40 Kilo leichter als Walujew. Vielleicht hat er ja eine Steinschleuder im Handschuh versteckt.

Die bisher schwerste Hürde

Trotz des eklatanten Größenunterschiedes macht sich Jean-Marcel Nartz, technischer Leiter des Universum-Stalls, bei dem Tschagajew unter Vertrag steht, keine Sorgen, dass der Usbeke K.o. gehen könnte - denn dazu fehlt es Walujew bei aller Masse an Schlagkraft und Zielsicherheit.

Die Gefahr sieht Nartz anderswo: "Walujew ist kein großer Hauer, er ist ein großer Erdrücker. Die Gegner fallen irgendwann einfach um, weil sie erdrückt werden."

Wenn es dem Russen gelingt, seinen massigen Körper immer wieder auf Tschagajew abzulegen, wird es schwer für den 28-jährigen Usbeken. Der Plan müsse sein, Walujew durch den Ring tapern zu lassen und ihn dazu zu bringen, immer wieder in die Luft zu schlagen, sagt Nartz. "Aber in der Praxis musst du das erst mal machen, wenn du so einen Koloss vor dir hast." Immerhin ist Tschagajew der erste Pflichtherausforderer, auf den Walujew trifft – und viele halten ihn für die schwerste Hürde, die dem Riesen bislang im Weg stand.

Eine Niederlage von Walujew hätte zur Folge, dass das Gerede vom Rocky-Marciano-Rekord aufhören müsste. Der ehemalige Schwergewichtsweltmeister (1952 - 1956), der noch heute als einer der besten Boxer der Geschichte gilt, feierte in 49 Kämpfen 49 Siege. Walujew kann 46 Siege aufweisen, nach Ansicht seiner Manager ist er damit nah dran an der Marciano-Marke.

Für Nartz hingegen ist Walujew ein Teil der "Misere im Schwergewicht". Das Urteil des Box-Managers: Gäbe es bessere Kämpfer, dann gäbe es Walujew nicht. Und Shannon Briggs, den WBO-Weltmeister, auch nicht. "Ein Lennox Lewis hätte mit dem den Boden aufgewischt", sagt Nartz.

Doch der Brite kommentiert inzwischen Kämpfe, anstatt sie zu gewinnen – also darf auch noch ein Oleg Maskajew auf dem Thron der WBC residieren. Trotz seiner fünf schweren K.-o.-Niederlagen. Einzig IBF-Champion Wladimir Klitschko gilt Fachleuten als würdiger Champion.

Walujews Zeitlupenschläge

Promoter-Legende Don King, der gemeinsam mit dem Sauerland-Boxstall für die Vermarktung Walujews zuständig ist, sieht das natürlich ganz anders. Vor dem Kampf gegen Tschagajew inszenierte sich der 75-Jährige einmal mehr als Marktschreier und pries seinen Kämpfer als "achtes Weltwunder", einen "Giganten mit einem gigantischen Herzen" und einen "Beschützer in stürmischen Zeiten" an.

Kings Eifer ist verständlich, denn dem einstmals mächtigsten Strippenzieher im Profiboxen drohen die namhaften Kämpfer auszugehen. Seit Walujew im Dezember 2005 Weltmeister wurde, darf King wenigstens beim Sauerland-Riesen mitverdienen. Der Deal war so offensichtlich und unschön, wie es im King-Dunstkreis immer wieder vorkommt. Erst feierte Walujew in einem WM-Ausscheidungskampf einen sehr umstrittenen Punktsieg gegen Larry Donald – einen King-Mann. Dann folgte ein etwas weniger umstrittener Punktsieg gegen Weltmeister John Ruiz – auch ein King-Mann. Donald und Ruiz brachten King auf dem US-Markt nicht mehr genug Profit, also wurden sie der neuen Leidenschaft des Promoters geopfert. Dem Sauerland-Stall kann diese Laune nur recht sein, so ist man schließlich an Kings weit reichendes Netzwerk angeschlossen.

Ein Sieg Walujews gegen Tschagajew wäre zugleich Voraussetzung für den wohl publikumsträchtigsten Kampf, den das Schwergewicht zurzeit zustande bringen könnte: das Duell Wladimir Klitschko gegen Nikolai Walujew.

Selbst Klitschko, der Don King sonst meidet, will das Duell. Zum einen, weil er nicht nur Boxer, sondern eben auch Geschäftsmann ist und Walujew als "marketingtechnisch sehr interessant" einstuft. Zum anderen, weil die Titelvereinigung das große Ziel des Ukrainers ist. Und außerdem, weil der technisch versierte Zwei-Meter-Hüne nach Meinung vieler Experten den massigen Russen gehörig in Bedrängnis bringen würde.

Um sein "Glaskinn", das nicht nur Nartz Klitschko nach dessen beiden schweren K.-o.-Niederlagen noch immer vorhält, müsste der 31-Jährige bei Walujews Zeitlupen-Schlägen wohl auch nicht bangen.

Walujew wolle das Duell auch, sagt er. Aber was er tut, bestimmen andere. Und solange Don King mit dem riesigen Russen Geld verdienen kann, wird er kein zu großes Risiko eingehen, dass sein "achtes Weltwunder" einstürzt. Der Kampf gegen Tschagajew ist für Kings Verhältnisse bereits ein außergewöhnliches Wagnis.

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