Boxchampion Arslan Der Wunder-Weltmeister
Ein Kuss kann viel bedeuten und gar nichts. Als Virgil Hill seine Lippen auf die Wange von Firat Arslan drückt, ist das vielleicht nichts weiter als eine verwirrte Geste im Zustand nahender Erschöpfung. Fünf Runden sind um. Fünf Runden, in denen sich der Box-Weltmeister im Cruisergewicht und sein Herausforderer einen beherzten Nahkampf geliefert haben. Kopf an Kopf wie zwei wütende Stiere.
Vielleicht bedeutet dieser Kuss des Amerikaners aber viel mehr, vielleicht soll er sagen: "Okay, es ist vorbei, es war eine schöne Zeit, aber jetzt bin ich müde und alt." Vielleicht denkt sich Virgil Hill schon in diesem Moment: "Wenn ich schon abtreten muss, dann nach so einem Kampf gegen so einen Herausforderer."
Als es tatsächlich vorbei ist, will Virgil Hill gar nicht mehr viel sagen. Jetzt ist er wirklich müde. Und er sieht zerknautscht aus, viel älter als ein 43-Jähriger aussehen muss. Firat Arslan hat ihn vor 4500 Zuschauern in Dresden unermüdlich an seine Grenzen getrieben. Auf etwas unorthodoxe, aber durchaus erfolgreiche Art hat er Hill den WM-Gürtel der WBA im Cruisergewicht abgenommen. Die Kampfrichter waren sich einig und sprachen ihm einen einstimmigen Punktsieg (118:110, 116:113, 117:111) zu.
Für den 37-jährigen Arslan ist es der späte Beginn einer Karriere, von der er seit 20 Jahren träumt. Und für Hill ist es das Ende einer grandiosen Laufbahn, die vor 20 Jahren mit dem Gewinn des ersten WM-Titels an Fahrt aufgenommen und mit seinem Sieg 1996 in München über Henry Maske einen Höhepunkt erreicht hatte. "Wenn das mein letzter Kampf war, hätte er besser nicht sein können", sagte Hill. "Außer natürlich, ich hätte gewonnen."
Dilemma der Champions
Aber das ist ja das Dilemma: Als Champion lässt sich noch gutes Geld verdienen, als Champion ist man schließlich der Beste warum also aufhören? "Das ist schwer, das verstehe ich", sagt Carla Hill, obwohl sie ihren Mann schon öfter gebeten habe, doch endlich Schluss zu machen. Eine Niederlage hat sie ihm deshalb zwar nicht gewünscht, aber richtig unglücklich sah sie nicht aus, als es dann so weit war.
Vielleicht auch deshalb der Kuss an Arslan: "Danke, dass du es beendest. Danke, dass ich jetzt erhobenen Hauptes aufhören kann."
Ende März, nach seiner Niederlage im Revanche-Kampf gegen Henry Maske, hätte Hill das nicht gekonnt. Gegen den Ruheständler, der sich nach zehn Jahren Ringabstinenz extra noch einmal fit gemacht hatte, sah Hill gar nicht weltmeisterlich aus. Vielleicht war es das Knie, das ihn damals behinderte. Vielleicht sagte ihm auch Arslans angriffsbetonter Kampfstil ohne Jabs und mit vielen brachialen Haken mehr zu als Maskes Defensivtaktik. Oder es lag am Gewicht: Gegen Maske waren 86 Kilo gefordert, das aktuelle Cruisergewichts-Limit liegt jedoch bei knapp 91 Kilo. Hungern stand für Hill diesmal also nicht auf dem Programm.
Und doch hat seine erstaunliche Kondition nicht gereicht gegen die grenzenlose Fitness und den unbändigen Willen von Firat Arslan. Also sagt Hill: "Ich bin müde, ich bin ein alter Mann. Das ist Firats Moment, ich gehe jetzt."
Ein trauriger, aber aufrechter Abgang eines Großen der Boxszene. Der neue Weltmeister bleibt und schaut dem alten hinterher. "Ein Wahnsinnstyp", sagt Arslans Freund und Wegbegleiter Luan Krasniqi. "Ja, ich bin wirklich stolz, dass ich gegen ihn geboxt habe", sagt Arslan.
Schwache Technik, starker Wille
20 Jahre lang haben er und Krasniqi auf diesen Tag hingearbeitet, und doch blicken sie jetzt wehmütig dem Mann nach, der seinen Gürtel für ihren Traum hergeben musste. Krasniqi war immer der talentiertere der beiden Freunde, auf ihn setzte man bei Universum Box-Promotion, er sollte zum Schwergewichts-Weltmeister gemacht werden schaffte es aber bislang nicht.
Auf Arslan hatte niemand gesetzt. Er schlug sich meistens ohne Trainer und Promoter durch. Dass er dennoch nach oben gelangte, grenzt an ein Wunder. Boxweltmeister wird man in aller Regel nicht, weil man es unbedingt will. Weltmeister werden von geschickten Promotern gemacht. Dazu bedarf es vor allem der Auswahl passender Gegner und wenn es sein muss, auch mal passender Kampfrichter.
Jetzt ist Arslan Champion, da zählt sich natürlich auch Universum Chef Klaus-Peter Kohl zu seinen Fans. Er gibt allerdings zu: "Nach seinen früheren Kämpfen war das nicht absehbar gewesen." Dass der junge Mann mit dem bescheidenen Talent so hart und akribisch an sich feilen würde und dass er jeden Mangel an technischer Finesse mit Kondition und Willensstärke würde wettmachen können, konnte ja niemand ahnen.
Immerhin: Fünf Wochen vor seinem Kampf gegen Hill hatte Arslan mit Michael Timm den Star-Coach des Boxstalls an die Seite gestellt bekommen. "Ich habe mir schon 2001 gewünscht, Michael Timm als Trainer zu habe", sagte Arslan ohne jede Spur von Verbitterung. "Aber ich musste mir erst erkämpfen, wieder einen Trainer haben zu dürfen."