Boxen Ein Klitschko unter Palmen
Eine warme Brise spielt mit den Palmenblättern, die neun Swimmingpools verströmen eine blaue Kühle. Auf den fünf Golfplätzen spazieren ältere, gut gebräunte Herren in weißen Shorts und Shirts, der Himmel ist fast wolkenlos. Urlaub im PGA National Resort & Spa in Palm Beach Gardens kann sehr erholsam sein doch in diesen Tagen stört laute Musik und das Geräusch von Hüpfen und Stöhnen in dem weißen Zelt links vor dem Luxushotel die paradiesische Ruhe.
Klitschko mit Trainer Stewart: Wer ist "der" wahre Champion?
Foto: Getty Images"Auf die Balance achten, Wladimir. Ja, so ist richtig. Und nachsetzen, genau so", gibt Trainer Emanuel Steward lautstarke Anweisungen an seinen Schützling Wladimir Klitschko und wippt dabei mit seinem Oberkörper hin und her, als würde er selbst gerade Sparringstraining haben. Zehn Runden stehen für Klitschko heute auf dem Programm, drei Gegner hat sein Management dafür nach Palm Beach Gardens kommen lassen.
An drei Seiten des Trainingszeltes hängen Flachbildfernseher. Alle nah am Ring und alle von dort gut einsehbar. Es läuft Boxen war ja zu erwarten. Evander Holyfield ist zu sehen, schnaufend und sichtlich gezeichnet. Sein Gegner trifft den einstigen viermaligen Schwergewichts-Champ immer wieder an Kopf und Oberkörper und gewinnt letztlich den Titelkampf nach WBO-Version. Sein Name: Sultan Ibragimow.
Am 23. Februar boxt der Russe gegen IBF-Weltmeister Klitschko. In Amerikas heiligster Halle, dem New Yorker Madison Square Garden. Es ist ein Vereinigungskampf einer, auf den die Boxwelt im Schwergewicht neun Jahre warten musste. Zuletzt war Lennox Lewis 1999 nach seinem Sieg gegen Evander Holyfield Titelträger der Verbände WBC, WBA und IBF.
"Wir sind mitten im Sparring, alles läuft bisher nach Plan", gibt Steward einen kurzen Überblick zum Stand der Vorbereitung während er seinem Schützling die Handschuhe schnürt. Neben Steward hat Klitschko auch Co-Trainer James Bashir, Physiotherapeut John Knarr, Manager Bernd Bönte und David Williams ständig um sich. Letzterer ist seit drei Jahren sein Privatkoch vor großen Kämpfen und weiß genau, was dem Champ schmeckt und zudem gut für ihn ist. "Ich koche viel Fleisch und achte natürlich auf Eiweiße und Kohlenhydrate. Aber keinen Fisch, den mag er nicht so", erklärt Williams, der in Los Angeles ein eigenes Restaurant hat. Während der Trainingseinheiten wird der Koch zum Kameramann, filmt jede Bewegung, jeden Schlag und jeden Treffer.
Seit dem 6. Januar ist die Klitschko-Crew an der Ostküste in Florida. "Wladimir liebt das Warme, außerdem ist die Chance, sich zu erkälten, hier geringer", sagt Bönte, der für zwei Tage Journalisten aus Deutschland, der Ukraine und Amerika zu Medientagen eingeladen hat. Acht Kameramänner und ebenso viele Fotografen sind um den Ring verteilt. Klitschko kennt das schon. Er posiert geduldig vor jedem Objektiv. Ausgiebiges Stretchen, tänzeln mit Trainer, Schattenboxen, Sparring und abschließend T-Shirt-Wechsel, so dass auch die letzte Kamera seinen muskelbepackten Oberkörper erfassen kann vielleicht bekommt Ibragimow im 80 Kilometer entfernten Fort Lauderdale ja die Bilder zufällig im TV zu sehen.
Körpersprache macht bekanntlich viel aus im Boxen. Aber auch verbal gibt sich Klitschko kampfbereit. "Es ist definitiv schwer, gegen Ibragimow zu boxen, denn er ist schlagfertig, aber zugleich auch vorsichtig. Meinen ersten WM-Titel habe ich nach WBO-Version errungen. Jetzt tue ich alles dafür, um ihn mir zurückzuholen."
"Der Gewinner bekommt alles - all or nothing"
Alles, das heißt in seinem Fall zwei Trainingseinheiten pro Tag. "Ibragimows größte Stärke ist seine Schnelligkeit", erklärt Steward und bekommt ein zustimmendes Nicken von Klitschko. 52 Kämpfe hat der Ukrainer bislang bestritten, 49 davon erfolgreich. Er wehrt sich dagegen, den kommenden Kampf als seinen größten zu bezeichnen. "Jeder bisherige Fight war wichtig, sonst wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin. Aber klar ist auch, in diesem Duell entscheidet das Ergebnis. Der Gewinner bekommt alles all or nothing, wie die Amerikaner sagen."
Und die mögen den Muskelmann mit dem russischen Akzent. Die Golfrunde ist beendet, die vier Bankreihen im Trainingszelt sind voll. "Wir verfolgen Wladimir schon seit Jahren, haben ihn aber noch nie live gesehen. Mensch, ist das ein Kerl von einem Boxer", sagt einer der älteren Herren. "Da sieht man mal, wieviel Vorbereitung so ein Kampf erfordert. Das bekommt man sonst ja gar nicht mit", erkennt ein weiterer Rentner, der sich Klitschkos korrekte Schreibweise von einem Journalisten geben lässt. Er wolle nachher gleich mal im Internet nachschauen. Bisher habe er dort nie etwas gefunden "aber das lag wohl am falschen Namen".
Nach knapp 90 Minuten ist die Nachmittags-Trainingseinheit vorbei. Auch Klitschkos zweites T-Shirt ist völlig durchgeschwitzt. Dennoch wirkt er locker und entspannt und gibt geduldig Interviews auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch. Der Kampf sei für den gesamten Boxsport wichtig. Es gehe darum, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer der einzige, der wahre Champion sei, sagt Klitschko und betont dabei die Artikel "der" ganz besonders. Derzeit hat jeder der vier großen Boxverbände IBF, WBO, WBC und WBA seinen eigenen Schwergewichtsweltmeister. Aber wer ist der Beste von allen, wer "der" Champion? Dies interessiere die Fans sehr stark, sagt Klitschko. Bis zum 17. Februar trainiert er noch in Florida. Das Wetter in Palm Beach Gardens soll bis dahin konstant bleiben.