Boxen Mentale Blockade im Seilgeviert
Frankfurt am Main - Titel, Träume und Millionen futsch: Nach nur 197 Tagen auf dem Thron verlor Profiboxer Markus Beyer am Samstagabend in Frankfurt/Main seinen WBC-Weltmeistergürtel im Supermittelgewicht unerwartet durch technischen K.o. in der zwölften Runde an den Weltranglistenersten Glenn Catley. Die zweite Titelverteidigung sollte für den Rechtsausleger, vom Umfeld schon als neuer Bubi Scholz hochgejubelt, der erste Durchbruch zu mehr Ruhm und großen Börsen werden, doch das Desaster gegen Catley ließ den für September geplanten `Big-Money-Fight" gegen Ex-Champion Vinny Pazienza platzen.
"Es war ein grottenschlechter Kampf von mir. Ich war mit den Gedanken wohl ganz woanders. Ich würde am liebsten im Boden versinken, weil ich so schlecht geboxt habe", erklärte der völlig frustrierte Beyer nach seiner ersten Niederlage im 19. Profikampf. So spektakulär, wie sich der 29-Jährige am 23. Oktober 1999 im englischen Telford von Richie Woodhall die Krone geholt und diese am 29. Januar dieses Jahres gegen Leif Keiski verteidigt hatte, verlor er sie in der Ballsporthalle in Höchst auch wieder.
Nach 53 Sekunden der zwölften Runde brach Ringrichter Bob Logist (Belgien) den Fight ab und schützte den Titelverteidiger vor weiterer Bestrafung. Beyer war zuvor nach einem rechten Kinn-Haken Catleys schwer zu Boden gegangen.
"Wenn ich doch bloß richtig geboxt hätte. Wie überlegen hätte ich sein können", sinnierte der Rechtsausleger, der ein ordentliches Veilchen unter dem rechten Auge davon trug. Die Behinderung durch einen möglicherweise eingeklemmten Nerv im Ellenbogengelenk des linken Schlagarms wollte Beyer erst gar nicht als Entschuldigung anführen. So beschäftigte sich der Anhang des Verlierers auch weniger mit den körperlichen Leiden, sondern vielmehr mit der seelischen Verfassung des sensiblen Kämpfers.
"Was ihm viel mehr weh tut, ist, dass er mich enttäuscht hat. Und das tut mir sehr weh", sagte sein Trainer Ulli Wegner und fügte besorgt an: "Er weiß, dass ihm als Weltmeister so etwas nicht passieren darf. Aber ich muss mich mit der Kritik ganz langsam ranschleichen. Sonst wäre er total zerstört."
Trainerfuchs Wegner, der Beyer und zuvor Sven Ottke zu Weltmeistern machte, brüllte sich während des Kampfes vergeblich die Seele aus dem Leib. "Das kann doch wohl nicht wahr sein. Jetzt reiß Dich zusammen, Markus!", schrie er seinen Schützling in den Pausen an. Doch Beyer wirkte mental blockiert. Mit seiner Schnelligkeit, dem ständig pendelnden Oberkörper und der sehr variablen linken Führhand kaufte Catley dem Weltmeister schnell den Schneid ab. Beyer berappelte sich zwar kurzzeitig. Doch die rechte Führhand kam so gut wie gar nicht, ansonsten nur Einzelschläge.
Vor der Schlussrunde war der Kampf ausgeglichen. Doch Beyer wollte den Sieg mit aller Gewalt spektakulär beenden, setzte einen Leberhaken an und bekam die Quittung. "Das ist ein ziemlicher Schock für uns alle. In der Trainingsgruppe wird erstmal Flaute herrschen", sagte Beyers Stallgefährte und IBF-Champion Ottke.
Für Vater Siegfried, erster Trainer des Verlierers, war das alles nicht so tragisch: "Das Leben ist eine Achterbahn. Das ist kein Weltuntergang." So sah es auch Promoter Wilfried Sauerland. "Er soll erstmal eine Pause machen und dann ein oder zwei leichtere Kämpfe." Mit Catley-Promoter Rodney Berman ist Sauerland gut befreundet, demnächst wird über ein Rückkampf oder eine Titelvereinigung zwischen Catley und Ottke verhandelt.
Die Stimmung passte übrigens zum unschönen Kampfende aus deutscher Sicht: Nur 3500 Zuschauer waren in der Halle, die zumeist teilnahmslos die Darbietungen registrierten. RTL gab sich ebenfalls nach dem Motto "Schnell rein, schnell wieder raus", in der Präsentation recht wenig Mühe - und 4,2 Millionen Zuschauer im Durchschnitt am Fernsehschirm bedeutete ebenfalls Stagnation.