Boxen Tatsachen im Seilgeviert
Las Vegas - Ohne sich in die Herzen der Fans zu boxen, hat Lennox Lewis seine Weltmeistertitel in der Königsklasse verteidigt und Mike Tyson mit einem provokanten Kurzreim zum ultimativen Duell aufgefordert. "Tyson soll zum Test kommen, dann gebe ich ihm den Rest, denn Lewis ist the best", dichtete der britische Schwergewichtler bevor er den Ring im Mandalay Bay Event Center mit den Gürteln der Weltverbände WBC und IBF verließ. Nach einer souveränen, aber unspektakulären Darbietung hatte Lewis in der Nacht zum Sonntag in Las Vegas den gebürtigen Samoaner David Tua so eindeutig ausgepunktet, das viele der 12 000 Zuschauer schon vor der abschließenden zwölften Runde gingen.
"Alle können jetzt kommen. Ich boxe, wen die Leute wollen. Nur nicht Holyfield. Mit ihm ist alles geklärt", sagte Lewis später. Jedermann würde natürlich den derzeit komplettesten Preisboxer der Welt gegen den amerikanischen "Bad Boy" gern sehen. Ex-Champion Tyson ist auch der einzige aus dem Elitezirkel des Schwergewichts, den der 35 Jahre alte Schützling von Emanuel Steward noch nicht vor den Fäusten hatte. Ob es zum "Traumfight" kommt, hängt zum einen von "Iron Mike" selbst ab, der nach seinem K.o.-Sieg vor drei Wochen gegen Andrew Golota (Polen) seinen Rücktritt verkündet hatte. Da ihm angeblich schon 30 Millionen Dollar für ein "Comeback" geboten wurden, dürfte ein Umdenken nicht schwer fallen. Scheitern könnte die Auseinandersetzung vielmehr an den unterschiedlichen TV-Sendern, bei denen Lewis (HBO) und Tyson (Showtime) unter Vertrag stehen.
Aber auch dem in Hamburg lebenden Wladimir Klitschko erteilte Lewis, der nach vier Titelverteidigungen in zwölf Monaten wenigstens bis Mai pausieren möchte, eine persönliche Kampfansage. "Wenn er will, ich bin bereit", verkündete der Rastaman selbstbewusst. Trainer Steward sagte Premiere World: "Im nächsten Jahr boxen wir auf alle Fall gegen Wladimir Klitschko. Ich bin ein großer Fan von ihm. Er ist einer der Besten - vielleicht sogar noch besser als David Tua."
Klitschko, der den Kampf am Fernseher verfolgte, sagte dazu: "Ich hoffe, ich kann Emanuel Steward wirklich bald davon überzeugen, dass ich nicht nur einer der Besten bin, sondern auch besser als Lennox Lewis. Und das würde ich gerne im Ring beweisen."
Der frühere Weltmeister und heutige HBO-Kommentator George Foreman kam nach dem Kampf zu dem Ergebnis: "Es besteht kein Zweifel, Lewis ist der stärkste Fighter aller Klassen." Nicht anders sieht es jetzt auch der chancenlose WM-Debütant Tua, der als Nummer eins der IBF-und WBC-Rangliste zum Vergleich antrat: "Ich gab mein Bestes, doch Lewis ist der beste Champion von allen".
Der in Neuseeland lebende Haudrauf mit der Starkstromfrisur á la Don King nahm zwar seinen ganzen Mut zusammen, doch mehr hatte das 18 Zentimeter kleinere Tyson-Double nicht zu bieten. Gefahr blitzte nur auf, wenn der bullige, etwas unaustrainiert wirkende Profi, der vier Millionen Dollar als Börse kassierte, versuchte, seinen angeblich tödlichen linken Haken zu schlagen. 32 seiner bisherigen 38 Gegner hatte der Olympia-Dritte von 1992 damit ausgeknockt. Als er in der zweiten Runde den sieben Jahre älteren Weltmeister traf, zeigte sich dieser allerdings unbeeindruckt. "Ich dachte, das da mehr Feuer drin steckt", sagte der 1,96 m große Modelathlet, der nie Gefahr lief, im 40. Profikampf seine zweite Niederlage zu kassieren.
Der mit zehn Millionen Dollar honorierte Olympiasieger von 1988, der ohne eine Schramme im Gesicht aus dem Seilquadrat stieg, tat indes nicht mehr als nötig. Resolut seine Reichweitenvorteile (38 Zentimeter) nutzend, hielt er Tua auf Distanz und punktete fast ausschließlich mit der linken Führhand. Nur einmal, in der neunten Runde, begeisterte Lewis das Publikum mit einer Kombination. "Ich hätte mehr Jabs schlagen können, doch das war nicht nötig", bekannte der Ringstratege. Tua, der unter folkloristischem Trommelwirbel und mit der aus den roten Baumfrüchten "Fala" gefädelten heiligen Halskette in die Arena einmarschierte, musste 300 Punches einstecken. Selber traf er nur 110 Mal. "Tua hatte nur eine Waffe, Lewis dagegen ein ganzes Arsenal", urteilten die HBO-Kommentatoren zu recht.
Von Gunnar Meinhardt, dpa