Boxprofi Luan Krasniqi: "I bin a importierter Schwab" - DER SPIEGEL
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Boxprofi Luan Krasniqi "I bin a importierter Schwab"

Luan Krasniqi wird als Erbe Max Schmelings gehandelt: Er könnte der erste Schwergewichtler sein, der den Titel wieder nach Deutschland holt - dazu muss er am 28. September Lamon Brewster besiegen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 34-Jährige über den Nutzen von Niederlagen und die Nachteile seiner Herkunft.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Krasniqi, Ihr Kampf in Hamburg um den WM-Gürtel ist an Max Schmelings 100. Geburtstag angesetzt. Gewinnen Sie, wären Sie der erste Schwergewichtsboxer nach Schmeling, der den Titel nach Deutschland holt. Fühlen Sie sich bereit, der zweite Schmeling zu werden?

Krasniqi: Entschuldigen Sie, wenn ich lachen muss. Aber Max war einzigartig, er war ein Champion, ein großer Mann. Ich habe ihm vor seinem Tod das Versprechen gegeben, den Titel nach Deutschland zurückzuholen. Den Pathos um den Kampf inszenieren einige Medien. Ich bin nur ein Boxer, der siegen will.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten in der Öffentlichkeit als einer der höflichsten Kämpfer. Welche ist die unhöflichste Frage, die Ihnen im Zusammenhang mit Ihrem WM-Kampf zur Zeit von Medienvertretern gestellt wird?

Krasniqi: Die nach meiner Herkunft.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind kosovo-albanischer Herkunft. Was antworten Sie den Journalisten, die wissen wollen, ob Sie sich als Kosovo-Albaner oder Deutscher fühlen?

Krasniqi: Ich frage zurück: Was erledigt sich dadurch, wenn ich Ihnen diese Frage beantworte?

SPIEGEL ONLINE: Sie boxen unter deutscher Flagge. Die Menschen wollen wissen, mit wem sie es bei Ihnen zu tun haben.

Krasniqi: Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte. Neulich habe ich von einem Journalisten einen Fragenkatalog zugeschickt bekommen als Vorbereitung zu einem Interview. Die Liste enthielt 40 Fragen. Ich habe den Bogen gelesen und überlegt, ob ich diesem Menschen antworten soll. In den 40 Fragen hatte er mir 40 Fallen gestellt. Alle drehten sich um meine Herkunft.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie getan?

Krasniqi: Ich habe das Interview abgesagt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Krasniqi: Weil es unsinnig ist, die immerselben Fragen zu beantworten, die nichts über mein Wesen vermitteln. Ich kann mir meine Herkunft nicht aus dem Gesicht wischen. Will ich auch nicht. Ich lebe seit 1987 hier. Seit 1994 bin ich Deutscher. Ich weiß aber auch, womit viele Albaner in Deutschland zu kämpfen haben, ich arbeite nebenher als Dolmetscher beim Landgericht. Das Bild der Öffentlichkeit über sie ist eher negativ.

SPIEGEL ONLINE: Albaner gelten als brutal und gefährlich.

Krasniqi: Ja, es gibt schlimme Vorurteile. Meine Familie, meine albanischen Freunde und viele mehr haben hier jahrzehntelang geschuftet und ihre Abgaben gezahlt. Das sind anständige Leute. Die wollen Anerkennung für ihre Leistung. So wie jeder andere. Was also sollen diese ständigen Fragen nach meiner Herkunft? Ich würde gern über etwas Anderes reden.

SPIEGEL ONLINE: Worüber?

Krasniqi: Boxen.

SPIEGEL ONLINE: Warum trainieren Sie in einem verlassenen Gym eines leerstehenden Gewerbehofs in Rottweil und nicht im Trainigscamp Ihres Hamburger Boxstalls?

Krasniqi: Rottweil ist meine Heimat. Ich habe mein Team hier, meinen Trainer Torsten Schmitz und Regina Halmich, die gerade ihren WM-Titel erfolgreich verteidigt hat. Dann sind da noch mein Freund Firat und mein Bruder Agim. Meine Frau, mein Vater und meine Mutter leben in meinem Haus. Ich habe sieben Geschwister. Sie leben in der Nähe. Ich bin der Jüngste. In Rottweil fühle ich mich einfach wohl. Hier kann ich konzentriert arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Es sind noch wenige Wochen bis zum WM-Duell. Woran erkennen Sie, dass Sie im Soll sind?

Krasniqi: Es gibt viele Anzeichen, eines ist, dass ich seit der Bekanntgabe des Kampfes vor einigen Wochen diesen Tunnelblick habe. Meine Frau sagt, wenn ich einen Tunnelblick habe, sei ich schwer erreichbar. Auch jetzt. Für meine Frau ist das nicht besonders angenehm. Aber es zeigt, alles in mir richtet sich zunehmend auf das Ziel aus. Es läuft planmäßig.

SPIEGEL ONLINE: Es wird der Kampf Ihres Lebens. Wie wichtig ist Ihnen die Anerkennung, die Ihnen mit dem Titelgewinn zuteil werden würde?

Krasniqi: Sehr wichtig. Die Prügel, die mir die Presse verabreicht hat, nachdem ich 2002 den EM-Kampf gegen Przemyslaw Saleta abgebrochen habe, waren schlimmer als der Kampf selbst.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie gegen Saleta nach der achten Runde beschlossen, nicht mehr in den Ring zu steigen, obwohl Sie nach Punkten führten, war Ihnen bewusst, welche Folgen das für Sie haben würde?

Krasniqi: Nein. Ich kann mich genau an den Verlauf des Kampfes erinnern. Ich fühlte bereits in der vierten Runde, ich bin nicht fit. Zu Beginn der achten Runde habe ich versucht, einen Angriff zu starten. Der Schwung meiner Attacke hat mich fast von den Beinen gerissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben weitergekämpft. Warum?

Krasniqi: Ich habe mich dann in die Seile gelehnt und meinen Gegner provoziert, ich habe versucht Stärke zu zeigen. "Komm hau mich", habe ich gesagt. Er hat mir noch zwei, drei Schläge ins Fleisch gesetzt. Dann bin ich einen Schritt ausgewichen und habe ihn weiter provoziert. Ich wollte über einen psychologischen Trick wieder Oberwasser bekommen. Er aber kam wieder auf mich zu. In diesem Moment habe ich beschlossen: Bevor ich mich von einem Boxer verprügeln lasse, den ich normalerweise schlagen muss, breche ich den Kampf ab. Die Vorbereitung war zu kurz, ich wusste es vorher. Die Aufgabe war die richtige Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Was war richtig daran?

Krasniqi: Ich habe meine Gesundheit nicht aufs Spiel gesetzt. Und die Niederlage hat mich als Mensch verändert. Die Schulterklopfer hörten im Nu auf. Ich begann jene, die sich bis dahin in meinem Erfolg sonnten, von denen zu trennen, die mich wirklich mögen. Ich bin gereift. Heute fühle ich mich bereit für einen großen Titelkampf. Damals war ich es noch lange nicht. Nach dem Kampf gegen Saleta fühlte ich mich völlig deformiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Krasniqi: Von heute auf morgen war ich ein Nichts für die Leute, ein Versager, ein Depp. Was ich über mich las, löste schlimme Schmerzen in mir aus. An den Prügel der Öffentlichkeit kann man als Boxer zerbrechen. Glücklicherweise bin ich aber an der Niederlage gewachsen. Der WM-Kampf steht nun vor der Tür. Ich bin in einer sehr guten körperlichen Verfassung. Ich bin geistig fokussiert. Und fühle mich etwas ängstlich. Gute Voraussetzungen also.

SPIEGEL ONLINE: Ist Angst ein gutes Zeichen?

Krasniqi: Ja. Angst macht wachsam. Wachheit ist eine Form von Bewusstheit, die wichtig ist für einen Kämpfer. Seine Angst aber darf ihn niemals lähmen.

SPIEGEL ONLINE: Oder in Wut umschlagen.

Krasniqi: Ja, es ist nie ratsam, seine Wut in einem Kampf auszuleben. Boxen bedeutet, gerade diese Wut zu unterdrücken, die in einem durch die Treffer des anderen hochkocht. Habe ich einen klaren Kopf, kann ich Strategien aufbauen und sie umsetzen. Es ist das Wichtigste in einem Kampf, die eigene Gefühlswelt im Griff zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten nicht als Draufgänger, sondern als Stratege. Durch welche Taktik soll sich Brewster die Zähne an Ihnen ausbeißen?

Krasniqi: Meine Kampfführung entwickelt sich aus den Beobachtungen, die ich währenddessen mache. Ich schaue, wie bewegt sich der andere? Welche Regung erkenne ich in seinen Augen? Ich überlege also, welche Mittel führen zum Ziel. Das ist mein Kampfstil. Aber natürlich haben wir uns für Brewster etwas ausgedacht. Eine Strategie aber posaunt man nicht herum, man setzt sie um, wenn der Moment gekommen ist. Brewster wird sich wundern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Trainer Schmitz für Sie?

Krasniqi: Es geht im Boxen darum, die Materie Mensch hinter dem Kämpfer zu verstehen. Sie zu begreifen, bedeutet ihn auf seinem Weg bestmöglich zu begleiten. Schmitz versucht eine Verbindung zu mir aufzubauen. Auch während eines Kampfes. Das ist der richtige Weg. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich der Mensch Krasniqi von dem Boxer?

Krasniqi: Sie unterscheiden sich nicht. Weder heute, noch gestern. Die Materien sind deckungsgleich. Ich gehe in meinem Sport auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheidet sich der Kosovare in Ihnen vom Deutschen?

Krasniqi: Ich dachte, dieses Thema hätten wir vorhin erledigt? Ich unterscheide keinen Kosovaren von einem Deutschen in mir. Es gibt nur einen, nur mich. Ich weiß allerdings auch, dieses Land hat mir sehr viel ermöglicht. Ich habe hier mein Abitur und meine Ausbildung zum Großhandelskaufmann gemacht. Hier bin ich zum Boxen gekommen. Das Boxen hat es mir ermöglicht Medaillen und Pokale zu gewinnen und demnächst einen WM-Fight zu haben. Ich bin sehr dankbar dafür. Aber das alles hat sich ein und derselbe Mensch hart erarbeitet, ein deutscher Staatsbürger, der im Kosovo geboren worden ist.

SPIEGEL ONLINE: Es macht also keinen Unterschied?

Krasniqi: Mich fragen die Leute immer noch, woher ich komme, wenn sie meinen Nachnamen hören.

SPIEGEL ONLINE: Und was antworten Sie?

Krasniqi: "I bin a waschechter Schwab." Und wenn sie skeptisch nachfragen, lache ich. "Na, gut, i bin a importierter Schwab."

Die Fragen stellte Vito Avantario

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