Boxtrainer Timm: Der Pädagoge am Sandsack - DER SPIEGEL
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Boxtrainer Timm Der Pädagoge am Sandsack

Michael Timm ist der erfolgreichste deutsche Box-Coach. Er trainiert im Universum-Boxstall sieben Weltmeister - und Weltmeisterinnen. An diesem Wochenende kämpfen gleich drei seiner Schützlinge um Titel - der Prominenteste ist Felix Sturm.
Von Susanne Rohlfing
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für die Momente, in denen ihm die Luft ausgeht, weil ihn die Verantwortung zu überfordern droht, hat Michael Timm eine Telefonnummer. Er tippt sie in sein Handy und hört auf die Stimme am anderen Ende. An diesem Tag rät sie zu einer kurzen Ruhepause zu jeder vollen Stunde. Man solle zur Besinnung kommen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. "Es gibt so viele Bücher, die man noch lesen könnte", sagt Michael Timm, "aber ich habe dafür einfach keine Zeit". Also wählt er einmal am Tag die Nummer des "Erfolgstelefons", einer Art Hotline für aufmunternde Lebensweisheiten. Das geht schneller.

Michael Timm ist der zurzeit erfolgreichste deutsche Boxtrainer. Sieben Weltmeister zählen zu seinen Schützlingen, fünf Männer und zwei Frauen. Insgesamt betreut der 44-Jährige 16 Faustkämpfer des Hamburger Universum-Boxstalls. Er hat dem Usbeken Ruslan Tschagajew beigebracht, wie der 2,13-Meter-Riese Nikolai Walujew zu schlagen ist, er hat Ina Menzer und Julia Sahin zu Weltmeisterinnen gemacht, er hat den Kroaten Stipe Drews mit einer Ohrfeige wachgerüttelt, als dieser seinen WM-Kampf zu verlieren drohte.

Unter Timms Anleitung boxen die Champions Wladimir Sidorenko und Sergej Dzindzurik, und er hat Felix Sturm gerade zum dritten WM-Triumph geführt, nachdem dieser seinen Gürtel zweimal wieder verloren hatte. Auch an diesem Wochenende ist Timms Terminplan gut gefüllt: Am Freitag verteidigt Sidorenko seinen Titel in Marseille, am Samstag sind Sturm (22 Uhr gegen den bislang ungeschlagenen Noe Tulio Gonzalez Alcoba aus Uruguay) und Sahin in Stuttgart dran.

In der direkten Vorbereitung auf solche Kämpfe flieht Timm mit seinen Boxern gern aus dem überfüllten Universum-Gym in Hamburg. Beliebtes Ziel ist die idyllisch gelegene Sportschule Hennef bei Bonn. Außer Training, Essen, Training, Essen passiert hier nicht viel. Ein gemeinsamer Grillabend ist schon ein Highlight.

Von der Baustelle in den Boxgym

Michael Timm ist der Pol, um den sich alles dreht. Meistens ruhig, gelassen und geduldig, nur manchmal ärgerlich aufbrausend. "Coach, war das gut so?", "Trainer, wann gibt es Mittagessen?", "Timmi, soll ich den Saunaschlüssel hier hinlegen?" - "Der eine will dies, der andere will das, vielleicht müsste ich da konsequenter sein", sagt Timm. Überzeugt klingt er nicht, denn das ist nicht sein Stil. Er will nicht nur autoritärer Antreiber sein, sondern auch Freund, Motivator, Vertrauensperson - immer nah dran an seinen Athleten, das ist sein Erfolgsrezept. Ina Menzer trainiert seit drei Jahren unter Timm. "Da habe ich das große Los gezogen", sagt sie. "Timmi geht auf jeden einzelnen von uns ein." Das sei sicher nicht immer leicht, "denn jeder will ein Stück von ihm abhaben, das ist wie in einer Familie, da will auch jeder etwas von den Eltern abbekommen".

Als Aktiver wurde der gebürtige Mecklenburger 1985 Europameister im Halbmittelgewicht, inzwischen hat er ein paar Kilo drauf gepackt und knattert in seiner Freizeit auf einer Enduro durchs Gelände. 1986 beendete Timm wegen gesundheitlicher Probleme seine Karriere als Boxer. Anschließend überredete sein Trainer Fritz Sdunek den gelernten Kfz-Mechaniker, als sein Assistent anzufangen. Nebenbei absolvierte Timm ein Pädagogik-Fernstudium und erwarb die Trainerlizenz.

Ende 1987 wurde er zum Nationaltrainer der DDR-Junioren-Auswahl berufen. Dann kam die Wiedervereinigung und für Timm die berufliche Unsicherheit. Eine Weile hielt er sich noch als Landestrainer in Mecklenburg-Vorpommern über Wasser. Doch als die Gelder gekürzt wurden, begann Timm, für eine Schweriner Baufirma zu arbeiten. "Das war ein Knüppeljob", sagt er heute.

Es ist 11.30 Uhr, Timm steht seit 8.30 Uhr in der Trainingshalle, sein T-Shirt ist durchgeschwitzt und wird gegen ein neues ausgetauscht. Um zwölf Uhr dreißig wird er 90 Minuten Mittagspause machen, dann hält er wieder bis sieben Uhr abends Pratzen, gibt Anweisungen für Sprints am Sandsack, wickelt Bandagen, tröpfelt Wasser in durstige Münder und beantwortet Fragen über Fragen.

Sdunek, inzwischen Profitrainer in Hamburg bei Universum Boxpromotion, holte Timm damals von der Baustelle zurück ins Boxgym. "Ich bin natürlich stolz, dass das so eingeschlagen hat", sagt Sdunek heute. Er selbst hat es in seiner Karriere mal auf fünf Weltmeister zur gleichen Zeit gebracht. Timm ist also an ihm vorbeigezogen. "Naja", sagt Sdunek, "die Frauen zähle ich ja nicht". Er ist ein Trainer der alten Schule.

"Du stirbst nicht"

Timm ist mit der Zeit gegangen, der Vater zweier erwachsener Töchter macht keinen Unterschied zwischen Boxerin und Boxer. Ungemütlich wird er nur, wenn ein Athlet nicht mit voller Konzentration bei der Sache ist. "Du stirbst nicht, da musst du keine Angst haben, das Training dauert ja nur 90 Minuten", wettert Timm dann. Und er erklärt: "Es geht mir nicht darum, die Jungs anzuschreien, aber manchmal muss ich sie wecken. Mich weckt jeden Tag die Verantwortung."

Die Dauerfrager im Gym sind deshalb auch keine Plage für ihn. Im Gegenteil. "So ein Sportler hat ein kurzes Sportlerleben, er muss frech sein und alles greifen, was er kriegen kann", sagt Timm. Er gibt geduldig Antwort und arbeitet Tag für Tag am Feinschliff seiner Boxer. "Mein Wunsch war immer, dass sie alle mal Weltmeister werden", sagt er. "Aber dass so viele es tatsächlich schaffen, davon wagt man nicht zu träumen."

Jetzt träumt der Weltmeister-Macher von Las Vegas. Mit Felix Sturm hat er es vor drei Jahren schon mal ins Mekka des Profi-Boxens geschafft - und gegen Oscar de la Hoya umstritten verloren. Timm sagt: "Das war schon etwas ganz Großes, einfach gigantisch." Aber noch nicht genug.

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