Boxweltmeister Erdei Ein ruhiger Vogel
Zsolt Erdei ist ein lieber Mensch, was für einen Boxer sehr ungewöhnlich ist. Noch ungewöhnlicher ist vielleicht nur noch, dass der Ungar Muhammad Ali sein Vorbild nennt. "Der Größte" (Ali über Ali) rappte seine Gegner vor Kämpfen mit despektierlichen Gedichten nieder und präsentierte sich den Kameras mit rollenden Augen und weit aufgerissenem Mund. Der Legende nach begann Ali das Boxtraining mit zwölf Jahren, weil ihm ein Fahrrad gestohlen wurde, und er den Dieb nach allen Regeln der Kunst verprügeln wollte. Erdei, amtierender WBO-Weltmeister im Halbschwergewicht, befreite in seiner Kindheit einen kleinen Vogel, der sich in sein Zimmer verirrt hatte.
Das Lied, mit dem der 32-jährige Boxer aus dem Universum-Stall auch heute Abend bei seiner Titelverteidigung gegen Danny Santiago in den Ring ziehen wird, handelt auch von einem Vogel, es ist ein ungarisches Kinderlied. Erdeis Kampfname heißt "Feuervogel", der Titel seines neuen Kinderbuches auch. Früher sagten Boxer Dinge wie: "Wenn man je meinen kahlen Kopf aufschneidet, wird man darin einen großen Boxhandschuh finden. Das ist alles, was ich bin" (Marvin Hagler). Heute promovieren Boxer zum Doktor der Sportwissenschaften (die Klitschkos), studieren Jura (Alexander Dimitrenko) - oder schreiben Kinderbücher wie Erdei.
Die Zeit der Wilden scheint zu Ende, und mit ihr die weltweite Verehrung. Mit seiner messianischen Ego-Show wurde Muhammad Ali schnell überall berühmt. Erdei, der seit Dezember 2000 in Hamburg lebt, ist bislang nur in seiner alten Heimat Ungarn ein Held, obwohl er den Weltmeistertitel schon drei Jahre trägt und alle 25 Kämpfe gewonnen hat. Bei vier etablierten Verbänden und achtzehn verschiedenen Gewichtsklassen geht der eine oder andere Weltmeister auch mal in der Öffentlichkeit unter. Zudem werden freundliche und zurückhaltende Menschen gern unterschätzt. Erdei versucht, das als einen Vorteil zu sehen. "Ich muss vor dem Kampf nichts beweisen", sagte er in einem Interview. "Mich haben schon einige unterschätzt und es später im Ring bereut."
Am 17.1.2004 wurde Erdei auf jeden Fall unterschätzt. Es war der Tag, an dem er sich den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht nach Version der WBO von Julio Gonzalez holte. Dieser Kampf zählt zu Erdeis bislang besten Vorstellungen, er überzeugte mit Schnelligkeit, Technik und Ausdauer und wirkte noch in Runde zwölf so frisch wie das Zischen einer eben geöffneten Coladose. Es folgten Titelverteidigungen gegen Hugo Hernan Garay, Alejandro Lakatus, Paul Murdoch und Mehdi Sahnoune, die Erdei alle gewann - allerdings ohne Glanz und Gloria. In seinem bislang letzten Kampf gegen Stallgefährte Thomas Ulrich im vergangenen Sommer kämpfte sich Erdei wieder sehr souverän durch die Runden und gewann einstimmig nach Punkten. Danach wollte das Universum-Management eigentlich einen WM-Vereinigungskampf in die Wege leiten. "Aber da müssen die anderen eben auch mitspielen", erklärt Universum-Pressesprecher Christof Hawerkamp SPIEGEL ONLINE.
Stattdessen tritt Erdei bei seiner siebten Titelverteidigung in Düsseldorf gegen den 33-jährigen US-Amerikaner Danny Santiago an. Der verfügt über einen beeindruckenden Spitznamen ("The Bronx Bomber") und eine marktübliche Kampfbilanz (32 Profikämpfe, 29 Siege, 19 durch K.o.). Weitere Informationen sind rar. "Das liegt daran, dass er bisher nur in den USA geboxt hat", sagt Hawerkamp, "aber er wird stark eingeschätzt. Der haut wie ein Pferd." Ob das Erdeis Popularität in Deutschland vorantreibt, bleibt fraglich.
Bisher ist er nur in seiner Heimat ein gefragter Mann. Wenn Erdei boxt, werden mehr Sportzeitungen gekauft und die TV-Quote schnellt in die Höhe. Den Kampf gegen Conzalez sahen sich vier Millionen Zuschauer an das ist mehr als ein Drittel der ungarischen Bevölkerung. "Zsolt hat die Fähigkeit, Massen zu elektrisieren", erklärt der ungarische Journalist Attila Moncz Erdeis Wirkung in seinem Land. "Er ist als Privatmann anerkannt, hat keine Neider. Er vergisst nicht, woher er kommt, denkt familienbezogen und balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Spitzensportler und normalem Menschen."
Erdeis Vorbild Ali möchte auf seine alten Tage übrigens ähnlich gesehen werden. In seinem 2005 veröffentlichten Buch "Mit dem Herzen eines Schmetterlings" zeigt er sich als aufmerksamer Gatte, Familienvater und Freund von Mensch und Tier. Es geht um Gott und die Welt und wie man mit dem richtigen Glauben glücklicher werden kann. Anhänger der legendären Kämpfe gegen Sonny Liston, George Foreman und Leon Spinks werden nach der anstrengenden Lektüre wahrscheinlich denken: Wäre er doch beim Boxen geblieben.