Braasch-Interview "An Becker und Stich nie rangekommen"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Braasch, an diesem Wochenende steht die erste Daviscup-Runde auf dem Programm. Was fällt Ihnen dazu ein?
Karsten Braasch: Dass wir frei haben. Für Deutschland ist erstmal Pause. Ich weiß gar nicht genau, wie lange das her ist, dass wir nicht mehr in der Weltgruppe dabei sind.
SPIEGEL ONLINE: 21 Jahre. Damals schwangen Damir Keretic, Michael Westphal, Wolfgang Popp und Andreas Maurer das Racket für Deutschland.
Braasch: Wir müssen den Realitäten endlich ins Auge blicken. Es läuft momentan einfach sehr bescheiden. Deswegen verstehe ich Herrn von Waldenfels (DTB-Präsident, d. Red.) nicht, wenn er sagt, er möchte nicht vom Tiefpunkt oder einer Katastrophe sprechen. Nur einen deutschen Herrn in der zweiten Runde der Australian Open gehabt zu haben, das ist eine Katastrophe. Die Berichterstattung ist dementsprechend. Das Interesse der Leute lässt nach. Da muss das deutsche Tennis wieder ganz von vorn anfangen. Aber trauern hilft nicht. Ich will auch nicht schwarzsehen. Es gibt einfach einen Haufen unglücklicher Umstände, die zum Abstieg geführt haben. Wenn etwa Tommy Haas nicht schon seit 15 Monaten verletzt wäre, würden wir noch immer in der Weltgruppe spielen. Jetzt müssen wir so schnell wie möglich wieder aufsteigen.
SPIEGEL ONLINE: Der erste Schritt nach oben soll im April gegen Israel getan werden. Ohne Sie beleidigen zu wollen, ist es nicht ein Armutszeugnis für das deutsche Tennis, dass Sie als 37-Jähriger nun als Doppelspieler für diese Begegnung im Gespräch sind?
Braasch: Als fast 37-Jähriger, bitte. Das kann man so sehen, kann es aber auch als Lob für mich interpretieren.
SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch ist die Chance, dass Sie zum Einsatz kommen? Haben Sie mit Daviscup-Kapitän Patrik Kühnen darüber gesprochen?
Braasch: Ich habe Patrik auf sein Interview mit dem "Tennis-Magazin" angesprochen, in dem er meinen Namen im Zusammenhang mit dem Daviscup erwähnte. Ich hatte, ehrlich gesagt, gar nicht mehr damit gerechnet, obwohl ich zum Zeitpunkt des Interviews in der Doppel-Weltrangliste bester Deutsche war. Patrik hat mir bestätigt, dass ich eine Chance hätte. Das Einzige, was für ihn zähle, sei die Leistung, nicht das Alter. Das ist eine schöne Motivationshilfe für mich. Jetzt habe ich es selbst in der Hand. Deshalb mache ich nun nach jedem Training noch zehn Liegestütze.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie noch durch die Tennis-Welt tingeln? Im vergangenen Jahr mussten Sie sogar draufzahlen.
Braasch: Das stimmt. Mein Ranking war so schlecht, dass ich für Paris, Wimbledon und die US Open nicht qualifiziert war. Außerdem bin ich im Sommer mit alten Kumpels zusammen unentgeltlich für die "Herren 30" von Mülheim aufgelaufen, weil ich endlich einmal Deutscher Mannschaftsmeister werden wollte. In der zweiten Jahreshälfte habe ich aber ganz gut gespielt und bin der Hoffnung, dass es so weiter geht. Dieses Jahr hat in Melbourne ganz gut anfangen: Letzte 16 bei einem Grand-Slam-Turnier ist nicht so schlecht. So lange ich da noch mithalten kann und die Leute mir sagen: "Glückwunsch, gut gespielt", mache ich weiter. Ich kenne keinen anderen Job, der mir so viel Spaß macht. Wenn ich auch die anderen Grand-Slam-Turniere wieder mitspiele, kann ich ein Plus machen. Ob ich weitermache, entscheide ich jetzt von Jahr zu Jahr.
SPIEGEL ONLINE: Boris Becker und Michael Stich, beide jünger als Sie, haben schon vor einigen Jahren mit Tennis aufgehört. Welches Ziel haben Sie mit knapp 37 Jahren noch vor Augen?
Braasch: Ich haben noch einen Traum: die Olympia-Teilnahme in Athen.
SPIEGEL ONLINE: Kühnen hat Sie auch als Betreuer von Nachwuchsspielern ins Gespräch gebracht. Ist das was für Sie?
Braasch: Schon. Ich müsste dann aber erstmal eine Trainerausbildung machen, damit ich zumindest ein paar Grundregeln kenne, zum Beispiel was Trainingslehre betrifft. Denn damit habe ich mich relativ wenig beschäftigt. Aber eine Trainerprüfung zu machen, wäre eine Kleinigkeit. Kühnen findet, es könne nicht sein, dass alle anderen Länder ihre älteren, erfahrenen Spieler als Betreuer einbinden und nur wir Deutschen nicht.
SPIEGEL ONLINE: Becker, Steeb und Stich haben doch sogar den Daviscup-Teamchef gegeben. Warum hat das nicht funktioniert?
Braasch: Mangelhafte Kommunikation mit den Spielern. Gerade mit Stich habe ich beim World Team Cup 2002 da so meine bittere Erfahrung gemacht. Das tat richtig weh. Ich glaube, auch Becker hat die Spieler nicht besonders oft angerufen.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Superstars von einst zu sehr Selbstdarsteller geblieben?
Braasch: Das haben Sie gesagt.
SPIEGEL ONLINE: Kühnen beklagt vor allem die ineffektiven Strukturen im DTB. Deutschland hat viele Topspieler in den Jugend-Weltranglisten, aber beim Übergang zu den Profis bleiben sie auf der Strecke.
Braasch: Die Jugend-Weltrangliste wird doch überschätzt. So wird zum Beispiel der Spanier Rafael Nadal da gar nicht geführt, obwohl er erst 17 Jahre alt ist. Der gehört schon zu den besten 20 Spielern bei den Herren. Wenn der Juniorenturniere spielen würde, würde er seine Gegner auf dem Platz hinrichten. Und es gibt noch 10 bis 15 andere, die gar nicht in der Jugendrangliste vertreten sind, weil sie schon professionell spielen. Das bedeutet, dass unsere besten U18-Spieler nicht wirklich zu den Allerbesten der Welt gehören.
SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen schlagen Sie vor?
Braasch: Die talentierten Jugendlichen müssen weiter gefördert werden, indem sie in Kleingruppen mit einem Trainer professionell arbeiten und anfangen, Turniere zu spielen. Vom DTB wird aber praktisch gar nichts angeboten, sobald man die Juniorenklasse verlässt. Den B-Kader von damals, den Karl Meiler trainierte und in dem zum Beispiel Stich gefördert wurde, gibt es nicht mehr. Heute ist jeder auf sich selbst gestellt und muss sich privat einen Trainer suchen. Vereinzelt gibt es noch die Chance, im Landesverband weiter zu trainieren. Aber jeder Landesverband macht seinen eigenen Kram.
SPIEGEL: Kühnen ist skeptisch, dass sich bald etwas zum Positiven verändert. Sie auch?
Braasch: Ich weiß nicht, welcher Funktionär im DTB über was entscheiden darf. Aber ich bekomme mit, dass das Geld fehlt, professionelle Strukturen ins Leben zu rufen. Wir Trainer würden ja Geld kosten. Ich glaube, dass der DTB derzeit überhaupt keine Kohle für so etwas hat. Deshalb ist es kompliziert, die Vorschläge umzusetzen. Dass drei 18-Jährige, die gerade mit der Schule fertig sind, sagen: "Wir wollen jetzt den Braasch haben und zahlen den aus eigener Tasche", das sehe ich nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Tennis-Deutschland in der Zeit nach Becker und Stich verändert?
Braasch: Als Boris und Michael aufgehört hatten, fehlten erstmal die ganz großen Erfolge. Haas stand mittlerweile zwar mal im Halbfinale der Australian Open, Rainer Schüttler sogar im Endspiel. Aber wir werden leider immer wieder mit Becker und Stich verglichen. Das ist schade. Wir konnten machen, was wir wollten, wir sind an diese Lichtgestalten einfach nicht rangekommen. Dafür haben wir schlechte Presse bekommen, dadurch ist das öffentliche Interesse geringer geworden, es gibt weniger Sponsoren. Die deutschen Turniere sind in großen finanzielle Probleme.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie auf Ihre eigene Laufbahn zurückblicken, was war das schönste Erlebnis?
Braasch: Daviscup 1994 in Halle, als ich mit Stich gegen Spanien den vorentscheidenden Punkt gewonnen habe. Kurz davor hatte ich am Hamburger Rothenbaum Ivan Lendl besiegt. In Deutschland kannte man vorher nur diese anrüchigen Geschichten vom Rauchen und Biertrinken über mich. Und dann habe ich richtig schön gespielt und die Leute haben mich mit Standing Ovations vom Centre Court verabschiedet. Das war schon ganz angenehm.
SPIEGEL ONLINE: Berühmt sind Sie dann aber erst geworden, als Sie am Rande der Australian Open 1998 ganz locker je einen Satz gegen Venus und Serena Williams gewannen. Ist Ihr Match gegen die Williams-Schwestern noch Thema auf der Tour?
Braasch: Bei den Spielern weniger. Da hat auch nie jemand gesagt: "Schön, dass du es denen mal gezeigt hast." Denn jeder weiß, dass wir Herren gegen die Damen nicht verlieren. Man vergleicht ja auch die Fußball-Nationalmannschaft der Männer nicht mit der der Frauen. Das ist eine andere Liga.
Das Interview führte Till Schwertfeger