Breakdance-Künstler Chaabi "Ein paar Bänderrisse und ausgekugelte Finger"
Khaled Chaabi, 26, ist einer der besten Breakdancer Deutschlands. Als Jugendlicher brach er seine Ausbildung zum Zahnarzthelfer ab, um Profitänzer zu werden. Heute tourt er mit einer Breakdance-Gruppe um die Welt, er tanzte bei mehr als 200 Shows in mehr als 50 Ländern. Chaabi, der aus Syrien stammt, lebt in Berlin-Charlottenburg. Sein Künstlername ist KC1, er setzt sich aus den Anfangsbuchstaben seiner Namen zusammen. Die Eins stehe für Einmaligkeit, sagt er.
SPIEGEL ONLINE: Herr Chaabi, Sie können sich wie ein menschlicher Kreisel mehr als 50 Mal um die eigene Achse drehen - und zwar im Kopfstand und ohne dabei die Hände aufzusetzen. Das müssen höllische Schmerzen sein.
Chaabi: Nein, mein Kopf hat sich mittlerweile an so etwas gewöhnt. Ich habe eine ziemlich starke Nackenmuskulatur. Ich mache seit 13 Jahren Breakdance und übe diese Headspins. Ich habe zwar eine kleine, kahle Stelle auf dem Schädel, wegen der vielen Drehungen gehen mir dort die Haare aus. Aber ich habe mir extra eine Afro-Frisur wachsen lassen, um das etwas zu kaschieren.
SPIEGEL ONLINE: Die Bewegungen, die Tänzer im Breakdance machen, sind extrem. Die B-Girls und B-Boys springen, rotieren auf allen möglichen Körperteilen und verbiegen ihre Arme und Beine, als wären sie aus Gummi. Haben Sie sich schon mal verletzt?
Chaabi: Meine Menisken sind ein bisschen lädiert. Ich hatte schon drei Operationen, zwei am linken Knie, eine am rechten. Dazu kommen ein paar Bänderrisse und ausgekugelte Finger. Breakdance ist nicht ungefährlich. Ich mache aber jeden Tag ein gutes Stretching, um geschmeidig zu bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Kürzlich wurde in Braunschweig die Weltmeisterschaft ausgetragen, der "Battle of the Year". Sie und ihre Berliner Tanzcrew B-Town Allstars waren für Deutschland am Start und belegten den dritten Platz. Zufrieden?
Chaabi: Wir hatten uns ein bisschen mehr erhofft, leider schieden wir im Halbfinale gegen das Team aus Südkorea aus. Es war ein harter Kampf, die Koreaner haben eine unglaubliche Körperbeherrschung. Sie sind am Ende auch zu Recht Weltmeister geworden.
SPIEGEL ONLINE: So ein Wettkampf im Breakdance nennt sich Battle. Zwei Teams treten gegeneinander an, sie schicken abwechselnd ihre besten Tänzer in die Mitte, eine Jury entscheidet am Ende über die Sieger. Auf was kommt es dabei an?
Chaabi: Du versuchst, deinen Gegner zu besiegen, aber nicht wie bei einem Boxkampf mit den Fäusten, sondern mit Moves, also mit Tanzschritten, Sprüngen und Drehungen. Meine Waffe ist mein Style, also das Gefühl, das ich in meine Bewegungen lege. Die oberste Regel bei einem Battle ist: Du darfst deinen Gegner nicht berühren.
SPIEGEL ONLINE: Ist Breakdance Sport?
Chaabi: Nein. Wir machen zwar Flanken, Schrauben und Pirouetten, diese Bewegungen kommen so ähnlich auch im Bodenturnen vor. Aber wir sehen uns nicht als Sportler, sondern als Künstler. Es geht uns darum, kreativ zu sein, wir passen unsere Moves dem Beat der Musik an und versuchen, auf jede Aktion des Gegners eine gute Antwort zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Breakdance wurde in den achtziger Jahren populär, in den Neunzigern verschwand es dann fast völlig. Jetzt, bei der Weltmeisterschaft, waren Tänzer aus Nigeria, Weißrussland und Japan am Start. Mehr als 8000 Fans sahen bei den Battles zu. Warum ist Breakdance wieder angesagt?
Chaabi: Früher war die Szene recht unorganisiert. Die Tänzer aus den USA kannten die aus Europa nicht und umgekehrt. Heute tauscht sich die Szene über Facebook und YouTube aus, du bekommst alles sofort mit und kannst dir über einen Livestream einen Battle in Thailand ansehen. Die Tänzer sind heute besser vernetzt, das stärkt den Zusammenhalt.
SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie zum Breakdance?
Chaabi: Ich wurde im Berliner Stadtteil Wedding groß, dort gab es viel Kriminalität, es gab oft Stress. Ich wuchs praktisch auf der Straße auf, wusste wenig mit mir anzufangen. Als ich 13 Jahre alt war, sah ich in einem Jugendzentrum zum ersten Mal eine Gruppe, die Breakdance machte. Das war ein magischer Moment. Ich verstand nicht, wie ein Mensch solche Bewegungen machen kann, ohne in der Mitte auseinanderzubrechen. Ab diesem Tag hatte ich ein Ziel: Ich wollte unbedingt auch so tanzen. Ich begann zu trainieren, hatte aber erst mal wenig Erfolg.
SPIEGEL ONLINE: Wieso das?
Chaabi: Du musst viele Jahre hart an dir arbeiten, bis ein Move richtig klappt. Aber das hat mich auch weitergebracht. Ich habe gelernt, lange an einer Sache dran zu bleiben, geduldig zu sein, Frust wegzustecken.
SPIEGEL ONLINE: Heute sind Sie Profitänzer, sie leben vom Breakdance. Wie geht das?
Chaabi: Seit 2005 bin ich mit den Flying Steps unterwegs, das ist eine der besten Breakdance-Gruppen der Welt. Wir haben eine Show erarbeitet, in der wir zu klassischer Musik breaken. Seit 2010 gehen wir damit auf Tour. Wir hatten bereits Shows in über 50 Ländern, kürzlich reisten wir damit sogar nach Kasachstan. Auch in Zentralasien und Sibirien boomt Breakdance.
SPIEGEL ONLINE: Wie oft trainieren Sie?
Chaabi: Wenn ich nicht auf Tour bin, jeden Tag. Ich mache auch Ausdauertraining, gehe joggen und in den Kraftraum. Stabilisierungsübungen sind sehr wichtig für uns.
SPIEGEL ONLINE: Der jüngste Tänzer bei der Weltmeisterschaft kam aus den Niederlanden und war gerade mal zwölf Jahre alt. Was ist das beste Alter für Breakdance?
Chaabi: Kinder und Teenager haben einen Vorteil, weil sie noch nicht ganz ausgewachsen sind. Sie können sich schneller drehen. Es gibt mehrere Kinder, die zum Kreis der besten Tänzer der Welt zählen. Mit 26 Jahren gehöre ich ehrlich gesagt schon fast zu den Senioren.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch Moves, von denen Sie träumen, die Sie unbedingt noch schaffen möchten?
Chaabi: Klar, gerade trainiere ich zum Beispiel den Revers-Elbow-Headspin-Drill.
SPIEGEL ONLINE: Aha.
Chaabi: Ich drehe mich dabei wie ein Bohrer um die eigene Achse und rotiere über meinen Ellbogen und den Kopf.
SPIEGEL ONLINE: Tragen Sie im Training manchmal einen Helm?
Chaabi: Nö, aber eine Wollmütze.