Buchkritik Eine Pop-Ikone namens Ali
Mit den Biografien, Bildbänden und sonstigen Traktaten über den ehemaligen Boxweltmeister Muhammad Ali ließe sich mühelos die Bücherei einer deutschen Kleinstadt füllen. Fast zwanzig Jahre nach Alis letztem Kampf, einer desillusionierenden Punktniederlage gegen Trevor Berbick im Dezember 1981, machen sich Bewunderer, Analytiker und Spekulanten so emsig wie vielleicht noch nie an die Exegese des Phänomens Muhammad Ali, des Champions mit der weltweit nachhaltigsten Reichweite, eines Sportlers, der ebenso wie jeder andere Akteur der Populärkultur ein sicht- und damit bewertbares Oeuvre hat und dessen Wirkung den Geist einer sich umwälzenden Epoche nicht weniger beeinflusst hat als Malcolm X und die Beatles.
Davon ist zumindest David Remnick überzeugt, Autor der dieser Tage auf deutsch erscheinenden Analyse "King of the World". Der renommierte Pulitzer-Preisträger und jetzige Chefredakteur des "New Yorker" begreift den jungen Ali als "Parallelspieler in dem großen sozialen Generationsumbruch der amerikanischen Gesellschaft", dessen geniale Selbstinszenierungen und große Kämpfe "zu einem wesentlichen Teil der Phantasmagorie der Sechziger" wurden. Und er versucht mit den Mitteln von historischer Recherche wie essayistischem Diskurs, das Phänomen sozusagen ikonografisch zu interpretieren: Wie und warum konnte aus dem eigenwilligen, aber nicht gerade intellektuellen Box-Weltmeister ein so mächtiges Symbol von weltumspannender Ausstrahlung werden?
Anders als zuletzt etwa Hof-Biograf Thomas Hauser und Davis Miller, dessen unlängst erschienene Würdigung "The Tao of Muhammad Ali" (Sport Verlag/Berlin) die spirituellen Züge des Versehrten überzeichneten, bleibt Remnick spürbar auf Distanz. Ein Besuch auf der Farm des dreifachen Weltmeisters in Michigan dient ihm lediglich als passender Rahmen für den großen, ausführlichen Zoom. In ihm wird jene Phase zwischen dem Gewinn des Titels und seinem Verlust als Folge der Weigerung, für die USA in den Vietnamkrieg zu ziehen, nachgezeichnet, in der Athlet Clay sich als vieldeutige Ikone Ali neu erfindet. Dabei werden die außergewöhnlichen Talente der Hauptfigur ebenso deutlich wie ihre Unsicherheiten und Schwächen. Cassius Clay alias Ali also minus Mythos: ein äußerst interessanter, aber nicht übermenschlicher Mann.
Kühl und detailgenau spürt Remnick der Genese eines boxenden Popstars nach, der seine "Transfiguration" mit dem beharrlichen Ehrgeiz des Geltungssüchtigen vorantreibt. In deren Verlauf wird der Jung-Profi "sein eigener Stratege", der in den frühen Sechzigern zunächst damit beginnt, das prahlerische Gehabe eines Little Richard und des Profi-Ringers Gorgeous George abzukupfern - und damit intuitiv "die Möglichkeiten des theatralischen Narzissmus und einer flexiblen sexuellen Identität" entdeckt. Gleichzeitig ist der unbescheidene Egomane trotz der anmaßenden Verkünderposen selbst noch "ein Suchender", ein leicht beeinflussbarer "Mann des Dramas". So saugt der Boxer zwar aus dem bizarren sektiererischen Ideologie-Cocktail der Black Muslims die Grundlage für sein unangepasstes Selbstverständnis - doch in der aufdringlichen Umarmung durch deren Führer bricht er, ganz überforderter Opportunist, mit Ehefrau Sonji und seinem Freund Malcolm X, die auf ihre Art beide der Muslim-Sekte kritisch gegenüberstanden.
Remnick lässt kaum eine Nebengeschichte aus, um die militante Borniertheit der schwarzen Fundamentalisten zu brandmarken. Aber auch sie sind für Ali letztlich nicht viel mehr als Statisten und Stichwortgeber für den angehenden Superstar. Der nämlich ist halbbewusst schon dabei, seine alle Gegensätze überwindende Form als Ikone eines neuen Individualismus anzunehmen. Das ist in einer Zeit, als Boxen zur "Rassenmetapher" wurde, in der Tat phänomenal: War Floyd Patterson noch der demütig angepasste, stets dankbare "Onkel Tom" und Sonny Liston als sprachloser Outlaw sein exaktes Gegenteil, schafft Ali als deren Nachfolger durch seine kühne Selbstdarstellung nun ein neues, unabhängiges Rollenmuster. "Ich musste beweisen, dass man ein neuartiger Schwarzer sein konnte", sagt Ali gleich am Anfang zum Autor.
Man mag darüber streiten, ob zur Entwicklung des Stoffs beinahe 500 Buchseiten notwendig gewesen sind. Aber erst durch Remnicks Manie, noch die beiläufigste Nebenfigur und die kleinste Sub-Episode auszuleuchten, entsteht das einzigartige Sittengemälde voller Boxer und Betrüger, Mobster, Reporter, weißer und schwarzer Fundamentalisten. Einzig die allerletzten Seiten, auf denen sich Remnick eine vage Konklusion abringt, wirken verlegen. Sie sind "der Kampf zuviel", der eines der besten Bücher über Ali und seine Epoche indes nicht mehr verderben kann.
David Remnick: King of the World. Der Aufstieg des Cassius Clay oder die Geburt des Muhammad Ali. Übersetzt von Eike Schönfeldt. Berlin Verlag. 494 Seiten. 44 Mark. Erscheint am 1. März.