C.J. Hunter Krokodilstränen im Presseraum
Sydney - Gespannte Stille herrschte im spartanisch eingerichteten Konferenzraum. Dann öffnete sich eine Tür und Marion Jones betrat mit ihrem Mann Cottrell John "C.J." Hunter im Gefolge den Saal, empfangen von einem tosenden Blitzlichtgewitter. Die trotz ihrer Größe von 1,78 Meter grazil wirkende Sprinterin setzte sich in die Mitte des Podiums, der des Dopings verdächtige Kugelstoßer wuchtete seine massigen 150 Kilogramm Wettkampfgewicht auf den Stuhl daneben. Der Auftakt zur theatralisch wirkenden Inszenierung der Pressekonferenz am Dienstag im Mercury Hotel von Sydney hätte passender nicht sein können für die Aufführung von "Die Schöne und das Biest".
"Er ist mein Mann, und ich bin hier, um meine volle Unterstützung für ihn zu zeigen", eröffnete die 100-Meter-Olympiasiegerin ihren kurzen Monolog, "ich bin sicher, dass das Rechtssystem seinen Namen reinwaschen wird." Viel mehr sagte die 24-Jährige nicht. Nur, dass sie bis zum Ende der Olympischen Spiele zu dem Thema auch nichts mehr sagen wird, weil sie ihr Ziel der fünf Goldmedaillen weiter verfolgen will. Dann stand Marion Jones auf, kaum dass ihr Stuhl warm werden konnte. Mit einem schmatzenden Kuss verabschiedete sie sich von ihrem zerknirscht dasitzenden Gatten und verschwand schnurstracks aus dem Raum. Szenen einer Ehe.
Die schnellste Frau der Welt ließ ihren Mann allein auf der Bühne zurück. Nun rückte sich Hunter in den Mittelpunkt. Der Platz dafür war vorhanden. Die ungeteilte Aufmerksamkeit gehörte ihm allein. Und er nutzte sie zu einem Plädoyer für seine Unschuld, die Herzen ergreifen und erweichen soll. Sein Tränenfluss war kaum zu stoppen. "Ich weiß nicht, was passiert ist und wie es passiert ist", heulte der gewöhnlich nur finster und abweisend dreinschauende Hunter. Ein Bild des Jammerns und der Verzweiflung. "Ich weiß nicht, was passiert ist", wiederholte der 31-Jährige, "aber ich verspreche, ich finde es heraus und werde es wissen." Eine helfende Hand reichte ihm ein Tempo-Taschentuch.
Wenig später unterbindet eine forsche PR-Managerin kategorisch alle Nachfragen. Stattdessen stellte sie Victor Conti vor, einen Nahrungsmittel-Experten, der einige der amerikanischen Olympia-Starter berät. "Er hat das anabole Steroid Nandrolon nicht genommen", legte Conti alsbald fest. Und mit einem Mal ist die Verzweiflung von Hunter gewichen. "Wenn es in dem Nahrungsergänzungsmittel war, wie sollte ich das wissen?", fragte der bullige Mann sofort energisch nach. Er habe nur Eisen- und Kalziumpräparate zu sich genommen.
"Es gibt nichts, wofür ich ein derartiges Risiko auf mich nehmen würde." Schließlich wollte er ohnehin nach den Olympischen Spielen aufhören und sich ganz der Karriere seiner Frau widmen, die er in Sydney bis zum Entzug seiner Akkreditierung als Trainer betreute. "Alles was ich will, ist, dass sie erreicht, was sie will. Es tut mir leid, aber ich würde niemals etwas machen, was ihr wehtut", beteuerte er. Und für die, die an seiner Olympia-Absage wegen einer Knieverletzung zweifeln, hat er einen effektvollen Höhepunkt parat: Am Rand der Bühne zieht er sein Hosenbein hoch und zeigt die frische Operationsnarbe.
Von Martin Kloth, dpa