Carmelo Anthony: Der letzte Revolverheld - DER SPIEGEL
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NBA-Star Carmelo Anthony Der letzte Revolverheld

Carmelo Anthony zählte zu den besten Basketballprofis seiner Generation, doch der Sport entwickelte sich schneller als er selbst. Nun bekommt er eine letzte Chance.
Carmelo Anthony: Aus der Zeit gefallen
Carmelo Anthony: Aus der Zeit gefallen

Carmelo Anthony: Aus der Zeit gefallen

Foto: Mary Altaffer / AP
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Was ist für einen Basketballer noch schwieriger, als NBA-Profi zu werden? Es wieder in die Liga zu schaffen, wenn man zwar mal drin war, dann aber rausflog. Da hilft es auch nicht, wenn man ein Jahrzehnt lang als Superstar galt.

Es gibt wohl kaum einen Basketballprofi, der das so gut weiß wie Carmelo Anthony. Anthony, 35, zählte jahrelang zu den Großen der Branche, dann war er raus. Nun haben ihn nach langer Wartezeit die Portland Trail Blazers unter Vertrag genommen, in der Nacht auf Mittwoch, gegen die New Orleans Pelicans, könnte er sein Debüt feiern (2 Uhr, Stream: DAZN).

375 Tage ist es her, dass Anthony zuletzt auf einem NBA-Spielfeld stand. Damals spielte er für die Houston Rockets, in der Partie bei Oklahoma City Thunder im November 2018 absolvierte der Small Forward rund 20 Minuten. Er traf einen seiner elf Würfe. Es war erst sein zehnter Einsatz für die Rockets, und es sollte sein letzter sein.

Niemand wollte Anthony haben

Nach der Partie gehörte er zwar offiziell noch zum Team, stand aber nicht mehr im Kader. Später stimmten die Chicago Bulls einem Trade zu, setzten Anthony aber kein einziges Mal ein. Anfang Februar wurde er dann entlassen, um sich einen neuen Arbeitgeber suchen zu können. Doch niemand wollte Anthony haben.

Jetzt hat er einen neuen Klub gefunden, die Trail Blazers, die vergangene Saison im Halbfinale standen - und nun nach 14 Saisonspielen auf dem zwölften Platz der Western Conference. Angesichts des Fehlstarts und mehrerer Ausfälle lässt sich die Verpflichtung als Verzweiflungstat betrachten. "Melo" ist vom Superstar zur Notlösung geworden.

Ein klassischer Einzelkönner

Trotz seiner Klasse hatte Anthony in seiner Karriere nur wenig Erfolg mit seinen Teams. Seine Statistiken und individuellen Highlights bescherten ihm zwar Prominenz und hoch dotierte Verträge. Doch während andere Superstars wie LeBron James und Dwyane Wade Titel und individuelle Auszeichnungen feierten, blieb Anthonys sportlicher Höhepunkt ein Klubrekord, den er bei den New York Knicks aufstellte: 62 Punkte in einem Spiel.

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Anthonys große Stärke war stets das Eins-gegen-Eins. Gegen kleinere Spieler spielte er mit dem Rücken zum Korb, wobei ihm sein bulliger Körperbau half. Größere Gegner waren meist nicht flink genug, um Anthony zu stoppen. Oft zuckte er in mittlerer Korbdistanz nur ein wenig mit dem Fuß oder probierte es mit Wurffinten, um dann unvermittelt abzudrücken wie ein Revolverheld.

Sein Spiel war jedoch schon zu seinen erfolgreichen Zeiten nie frei von Fehlern. Defensiv konnte Anthony nur selten das Spiel beeinflussen. Seine Wurfquoten waren nicht überragend, auch im Spielaufbau war er nicht besonders gut. Schon früh in seiner Karriere haftete Anthony der Ruf eines eindimensionalen Scorers an, der den Ball ungern abgibt.

Aus der Zeit gefallen

Genau diesen Spielertyp wollen Teams heutzutage nicht mehr. Statistiken haben die Ineffizienz des Wurfs aus der Mitteldistanz bewiesen, Anthonys Spezialität. Teamplay ist wichtiger als individuelle Klasse. In der Offensive selbstlos und in der Defensive vielfältig einsetzbar, das erwarten NBA-Coaches heutzutage von ihren Spielern.

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Trotzdem macht seine Verpflichtung für die Blazers Sinn. Auf Anthonys Position ist in Portland ohnehin wenig Qualität vorhanden, dazu kommen Langzeitausfälle. Außerdem geht das Team aufgrund des einseitig kündbaren Vertrags kein hohes Risiko ein, es kann Anthony jederzeit wieder austauschen, sollte das Experiment fehlschlagen.

Mit seinen 2,03 Metern kann Anthony auch als Power Forward eingesetzt werden, außerdem besteht die Möglichkeit, dass er in seiner unfreiwilligen Auszeit vom Basketball seinen Spielstil überdacht hat. Die Herausforderung für ihn wird sein, eine kleinere Rolle einzunehmen als gewohnt. Das fiel ihm bereits während seiner Zeit in Oklahoma City nicht leicht; als er bei seiner Vorstellung gefragt wurde, ob er von der Bank kommen würde, lachte er und fragte: "Wer? Ich?"

Immer noch "Melo"

Die Hierarchie in Portland ist klar: Point Guard Damian Lillard ist bester Spieler und Anführer des Teams, die Nummer zwei ist C. J. McCollum. Seit Jahren gehört das Team offensiv zu den besten, die wichtigsten Faktoren dabei: Spielfluss und Distanzwürfe. Im Idealfall passt sich Anthony an, gibt schnell den Ball weiter, wenn er nicht freisteht, und bemüht sich in der Verteidigung. Im Worst Case bremst er jeden Spielzug aus. Dann könnte Anthony seinen Platz in der NBA schnell wieder verlieren.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere NBA-Profis ihr Unverständnis darüber geäußert, dass niemand Anthony einen Vertrag anbot. "Natürlich kann er noch in dieser Liga spielen", sagte etwa Draymond Green von den Golden State Warriors im Sommer, er sei schließlich immer noch "Melo".

Vielleicht ist das das Problem.

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