Chicago Cubs: Der Fluch des Ziegenbocks - DER SPIEGEL
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Chicago Cubs: 108 Jahre Warten auf den Titel

Foto: Jonathan Daniel / AFP

Baseball-Team Chicago Cubs Der Fluch des Ziegenbocks

Seit 107 Jahren haben die Chicago Cubs die World Series im Baseball nicht mehr gewonnen. Kein Profisportteam der Welt wartet länger auf den nächsten Titel. Schuld an der Misere könnte ein Ziegenbock haben.
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Der Oktober ist einer der angenehmeren Monate in Chicago. Die als "Windy City" bekannte Metropole am Lake Michigan ist für ihre bitterkalten Winter berüchtigt. Im Oktober ist es noch mild. Im Oktober sind die Chicago Cubs, das älteste Sportteam der USA, normalerweise schon im Urlaub.

Die World Series, das traditionelle Finale der Baseball-Saison zwischen dem Gewinner der National League und dem American-League-Champion, kennen selbst ältere Cubs-Fans meist nur vom Hörensagen. Als die Cubs zuletzt an der World Series teilnahmen, war gerade der Zweite Weltkrieg vorüber. In sieben Spielen verloren sie gegen die Detroit Tigers, es war ihre siebte verlorene World Series in Folge. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Seit 1945 wurde nie mehr eine World Series im Wrigley Field ausgetragen, dem traditionsreichen Stadion der Cubs.

Nicht wenige Menschen glauben, das liege am Fluch von Billy, dem Ziegenbock. Dessen Besitzer, der Barbesitzer Billy Sianis, war 1945 aus dem Stadion verwiesen worden, weil der Geruch seiner Ziege, für die er sogar ein Ticket gekauft hatte, die anderen Besucher belästigt haben soll. Sianis, so die Legende, habe daraufhin in einem Telegramm an die Besitzer des Teams einen Fluch formuliert: Die Cubs würden nie wieder in einer World Series spielen, weil sie seine Ziege beleidigt hätten.

Beweisen lässt sich diese Geschichte nicht. Was Anhänger der Cubs im Laufe der Jahre nicht davon abhielt, diverse Gegenflüche auszuprobieren. Der Neffe von Sianis wurde mit unterschiedlichen Ziegen aufs Spielfeld geschickt, zahlreiche geschlachtete Ziegen wurden vor dem Stadion aufgefunden. Geholfen hat es bisher alles nichts. Die Cubs warten aber schon viel länger als 70 Jahre auf den Gewinn der World Series. 1908 besiegte Chicago die Detroit Tigers. In den 107 Jahren seitdem ist der Traditionsklub ohne Titel geblieben. Es ist die längste Durststrecke, die es im amerikanischen Sport je gab, aber erstaunlicherweise hat sie die Popularität des Klubs eher noch befördert.

Einer der Spitznamen der Cubs ist "Lovable Losers", die liebenswerten Verlierer. Traditionen und Rituale schienen den Fans jahrzehntelang wichtiger zu sein als der sportliche Erfolg. Das hängt zu großen Teilen mit dem denkmalgeschützten, 100 Jahre alten Stadion Wrigley Field zusammen. Für dessen efeuüberwucherte Mauern am Spielfeldrand gelten eigene offizielle Regeln der Liga, falls der Ball darin stecken bleibt.

Die Besitzer der umliegenden Häuser haben private Tribünen auf ihre Dächer gebaut, mit denen sie gutes Geld verdienen, indem sie an Fans vermietet werden. Im Schnitt besuchen fast 40.000 Zuschauer die Heimspiele der Cubs - eine Zahl, die umso beeindruckender ist, wenn man bedenkt, dass es im Baseball 162 Saisonspiele gibt. Der vom Misserfolg anscheinend unbeeindruckte Zuschauerzuspruch war für die Besitzer der Cubs nicht gerade ein Anreiz, viel Geld in die Mannschaft zu investieren.

So hätte es noch eine ganze Zeit weitergehen können, wenn nicht der Verlag der "Chicago Tribune", dem die Cubs gehörten, 2008 in die Insolvenz gegangen wäre. Die Unternehmerfamilie Ricketts kaufte das Team und plante, alles anders zu machen. 2011 fällte sie die dafür wichtigste Personalentscheidung. Sie betraf keinen Spieler und keinen Trainer, sondern den Manager: Theo Epstein kam von den Boston Red Sox. Dort hatte der damals 28-Jährige als jüngster Manager der Baseballgeschichte begonnen.

Auf dem Statistik-basierten Sabermetrics-Modell aufbauend, das unter anderem durch den Film "Moneyball" mit Brad Pitt bekannt wurde, hatte Epstein die Boston Red Sox zu zwei World-Series-Titeln geführt - ein Traditionsteam, das fast so lange darauf gewartet hatte wie die Cubs, nämlich 86 Jahre. Mit der Verpflichtung Epsteins für die Cubs signalisierten die neuen Besitzer: Das Ende des Ziegenfluchs war das Ziel.

Da es im US-Sport keinen Abstieg aus den Profiligen gibt, können sich die Klubs Zeit lassen beim Umbau und in Ruhe die Basis für künftigen Erfolg legen. Die Cubs investierten in junge Talente und bauten das System kleinerer Farmteams um, in denen die Spieler nach und nach an die Major Leagues herangeführt werden. Noch 2014, im dritten Jahr von Epsteins Fünf-Jahres-Vertrag, beendete das Team die Saison auf dem letzten Tabellenplatz ihrer Division. Doch in dieser Saison tragen die Umbauten Früchte. Auf einmal haben zahlreiche junge Spieler den Sprung in die Mannschaft geschafft, von Home-Run-Maschine Kris Bryant, 23, der schon im College als Supertalent galt, über Kyle Schwarber, 22, der im Juli urplötzlich seine Chance bekam, den verletzten Catcher Miguel Montero zu vertreten, bis hin zu Addison Russell, 21, den die Fachzeitschrift "Baseball America" als drittbesten Nachwuchsspieler des Landes kürte.

Experten sagen dieser jungen Mannschaft den Zenit erst in zwei bis fünf Jahren voraus. Aber schon in dieser Saison ist die Leistung der Cubs explodiert. Sie sind das drittbeste Team der gesamten Liga. Leider spielen die beiden einzigen besseren Mannschaften, der Erzrivale St. Louis Cardinals und die Pittsburgh Pirates, in der gleichen Division, sodass Chicago in der ersten Playoff-Runde auswärts in Pittsburgh antreten muss. Sollte das schiefgehen, bleibt aber im Winter etwas, das man traditionell nie mit den Chicago Cubs in Verbindung brachte: Optimismus.

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