Chinas Top-Athleten: Zu Gold verpflichtet - DER SPIEGEL
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Chinas Top-Athleten Zu Gold verpflichtet

Gnadenloser Leistungsdruck: China stellt bei den Olympischen Spielen die meisten Athleten. Viele gehören in ihren Disziplinen zur Weltspitze - entsprechend groß sind die Erwartungen. SPIEGEL ONLINE stellt Chinas größte Goldhoffnungen vor.
Von Susanne Rohlfing
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Chinas Helden hatten es nicht leicht im Vorfeld der Olympischen Spiele. Als trügen sie nicht ohnehin schwer genug an der Last des Erwartungsdrucks von 1,3 Milliarden Landsleuten, kam noch so manches Malheur hinzu: Hürdensprinter Liu Xiang verlor seinen Weltrekord, NBA-Star Yao Ming brach sich den Fuß und den Turnerinnen Jiang Yuyan und He Kexin schlugen Zweifel an ihrem Alter entgegen. Gewinnen müssen sie trotzdem. Das ist ihr Job. Der Sportler als Botschafter. Sun Haiping, der Trainer von Liu Xiang, wird mit den Worten zitiert: "Offizielle haben uns mitgeteilt, dass Lius bisherige Erfolge bedeutungslos würden, wenn er in Peking nicht gewinnt." Das Olympische Gold 2004, der WM-Sieg 2007 - alles dahin.

Der Name Xiang bedeutet übersetzt "aufsteigen". Bis zum 12. Juni war Lius Karriere ein einziger Aufstieg. Es begann im Jahr 2000 mit Platz vier bei der Junioren-WM. 2001 wurde er chinesischer sowie Asien-Meister und eroberte den Juniorenweltrekord, 2003 wurde er Dritter der Hallen-WM - dann folgten der Olympiasieg 2004, 2006 der Weltrekord (12,88 Sek.), 2007 der WM-Triumph und in diesem Frühjahr der Sieg bei der Hallen-WM. Dem neuerlichen Olympiatriumph schien nichts im Weg zu stehen. Doch dann, am 12. Juni, rannte der Kubaner Dayron Robles die 110-Meter-Strecke über die Hürden in 12,87 Sekunden. Liu verlor seinen Weltrekord und den alleinigen Status des Top-Favoriten für Peking. Auf seiner Internet-Seite gibt der 25-Jährige sich dennoch weiterhin tapfer: "Danke an jeden, der mich unterstützt. Wir sehen uns in Peking, dort werde ich euch einen fantastischen Liu der Lüfte zeigen."

Den zweiten großen Star des chinesischen Sports ereilte der vorolympische Schicksalsschlag im Februar. Der 27-jährige Basketballer Yao Ming brach sich in einer NBA-Partie mit den Houston Rockets den linken Fuß und versetzte seine Fans in der Heimat in einen kollektiven Schockzustand. Würde er rechtzeitig zu den Olympischen Spielen wieder fit werden? Unzählige Blogs und Sportkolumnen in China beschäftigten sich in der Folgezeit mit den Rehabilitationsfortschritten des Superstars. Eine so schnelle Heilung schien unmöglich. Doch es sieht ganz so aus, als würde Yao sein Team am 10. August tatsächlich ins erste Spiel führen - gegen die USA mit deren Superstar LeBron James.

Liu Xiang und Yao Ming verdanken einen Großteil ihrer enormen Popularität in China auch der Tatsache, dass sie in Sportarten Erfolge feiern, die nicht typisch chinesisch sind. Sie eroberten westliche Domänen und damit die Herzen ihrer Mitbürger. Jiang Yuyan und He Kexin hingegen können, was chinesische Athleten traditionell besonders gut können: Nämlich turnen. Am Stufenbarren haben beide die magische 17-Punkte-Marke überschritten, außer ihnen gelang das weltweit bislang nur der amerikanischen Vize-Weltmeisterin Nastia Liukin. Allerdings kamen zuletzt Zweifel auf, ob die beiden angeblich 16-Jährigen tatsächlich schon dieses Mindestalter für eine Olympiateilnahme erreicht haben. Medienberichte und Ausweispapiere widersprechen sich da offenbar.

Im Turnen hat China allerdings gleich mehrere Hoffnungsträger am Start. Einer der größeren ist Yang Wei, 28 Jahre alt und 2006 sowie 2007 Mehrkampfweltmeister. Den Olympiasieg 2004 verpasste er, weil er vom Reck fiel. Das soll diesmal anders werden. Turmspringerin Guo Jingjing, zweifache Olympiasiegerin von Athen, gilt ebenfalls als Goldhoffnung in einer landestypischen Sportart - hat sich die typisch chinesische Freundlichkeit aber nicht zu Eigen gemacht. Wenig diplomatisch bezeichnete sie ihre kanadische Konkurrentin Blythe Hartley als Dickerchen.

Die Neueroberung der weniger traditionellen Sportarten lastet allerdings auch nicht allein auf den Schultern von Liu und Yao. Schon vor vier Jahren überraschten die Kanuten Meng Guanliang und Yang Wenjun mit ihrem Sieg im Kanadier-Einer über 500 Meter. Anschließend wurde der langjährige deutsche Erfolgs-Bundestrainer Josef Capousek nach China geholt, er sollte eine Goldmannschaft formen.

Doch der dickköpfige Coach passte nicht so recht ins chinesische Sportsystem, drei Jahre rieb er sich an den gestrengen Offiziellen. Er bemängelte eine schlechte Grundausbildung der Kanuten, forderte mehr Selbständigkeit der Athleten und wollte moderne Trainingsstrukturen einführen. Er scheiterte. Kurz vor den Olympischen Spielen kam es zum Eklat und Capousek wurde gefeuert. Oder nahm seinen Hut - die Darstellungen dazu variieren.

Bei der WM im vergangenen Jahr in Duisburg hatte der Trainer das Erfolgsduo Meng und Yang auf zwei Boote verteilt. Yang wurde im Kanadier-Einer Dritter, Meng eroberte mit Youiun Gong im Zweier mit Platz fünf immerhin ein Olympiaticket in dieser Bootsklasse. Aus einer Olympiamedaille zwei zu machen, sei das Ziel, erklärte Capousek damals. Wie sein Nachfolger es damit hält, wird sich auf der Regattastrecke vor den Toren Pekings zeigen.