"Chronique Scandaleuse" US-Leichtathleten am Pranger
Paris - Die USA lagen bei der 9. Weltmeisterschaft nicht nur in der Medaillenwertung an der Spitze, sondern führten auch die "Chronique Skandaleuse" in Paris an. Bereits der "Liege-Streik" von Jon Drummond nach einem Fehlstart im 100-Meter-Vorlauf hatte die US-Leichtathletik in Misskredit gebracht. Von der Vergangenheit eingeholt wurde 400-Meter-Weltmeister Jerome Young. Er soll der mysteriöse Athlet sein, der trotz eines positiven Dopingtests auf Anabolika im Jahr 1999 und gedeckt durch die vom US-Verband errrichtete Mauer des Schweigens an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney teilnahm.
Die US-Sprinterin Kelli White schließlich sorgte am Schlusswochenende für den größten Doping-Skandal einer Weltmeisterschaft und den folgenschwersten Sündenfall seit Ben Johnson 1988. Als erster Leichtathletin droht White die Aberkennung des in Paris über 100 Meter gewonnenen WM-Titels, der Kanadier musste bei den Olympischen Spielen in Seoul sein Sprinter-Gold zurückgeben. Die 26-jährige Freundin des deutschen Speerwerfers Boris Henry war nach dem Kurzsprint der unerlaubten Einnahme des Stimulanzmittels Modafinil überführt worden. Der Doping-Test nach den 200 Metern war jedoch negativ, teilte der Weltverband IAAF Am Schlusstag der WM mit.
"Ich kann bestätigen, dass die Kontrolle nach den 200 Metern negativ war", erklärte IAAF-Generalsekretär Istvan Gyulai. Er deutete jedoch an, dass die Amerikanerin möglicherweise dennoch beide Medaillen verlieren könnte. "Man kann nicht am Sonntag gedopt sein und am Donnerstag eine Medaille gewinnen. Das ist eine wichtige moralische Botschaft", sagte der Ungar.
Obwohl bis Sonntag noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen waren, bestehen beim Weltverband IAAF kaum noch Zweifel an ihrer Schuld. "Wenn es am Ende ein Doping-Fall wird, und dafür sprechen viele Indizien, verliert sie ihre Medaillen", so Gyulai. Der deutsche IAAF-Vizepräsident Helmut Digel sprach von einem "Eklat" und einem "dramatischen Fall, wenn eine so herausragende Athletin in Frage gestellt werde".
Offen ist, mit welchem Strafmaß Kelli White zu rechnen hat. Wissenschaftlich geklärt werden muss noch, in welche Stimulanzien-Gruppe Modafinil klassifiziert wird. Wird es den harten Drogen zugeordnet, droht neben dem Entzug von mindestens einem Titel noch eine zweijährige Sperre. Im anderen Fall würde die IAAF nur eine Verwarnung aussprechen, ihr aber ebenfalls die Medaille wegnehmen.
Kelli White beteuerte auf einer Pressekonferenz im Stade de France mit Tränen erstickter Stimme, nichts Unrechtes getan zu haben: "Ich glaube, dass ich unschuldig bin. Ich bin unschuldig. Für die Medaillen habe ich hart gearbeitet und sie mir in dieser Woche verdient. Nun werde ich hart arbeiten, um sie zu behalten." Um womöglich nicht eine weitere Medaille zu verlieren, zog der US-Verband Kelli White aus der Sprint-Staffel zurück, die daraufhin dem Titel vergeblich hinterher lief und im 4x100-Meter-Finale gegen Frankreich verlor.
Die US-Athletin begründete die Einnahme des den Wirkstoff Modafinil enthaltenen Medikaments - es ist auch als Partydroge und Wachmacher in der Disco-Szene bekannt - mit einer in diesem Jahr bei ihr aufgetretenen und in ihrer Familie bekannten Ermüdungskrankheit (Narkolepsie). Sie habe es von ihrem Arzt Brian Goldman verschrieben bekommen und es hätte nicht auf der IAAF-Liste der verbotenen Substanzen gestanden. Auf die Idee, das Mittel pflichtgemäß der IAAF zu melden, sei sie deshalb nicht gekommen. "Es hat nicht auf der Verbotsliste gestanden, deshalb verstehe ich nicht, was ich hätte angeben sollen", so White. Da nicht alle Pharmaprodukte namentlich auf der IAAF- Liste aufgeführt werden können, reicht auch eine Verwandtschaft zu einer Wirkstoffgruppe aus - in diesem Fall sind es die Stimulanzien.
"Wir haben bisher nicht gefunden, dass ihre Erklärungen wasserdicht sind", erklärte IAAF-Justiziar Martin Gay. Auch IAAF-Vizepräsident Arne Ljungquist, der zugleich Vorsitzender der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist, erscheinen diese Begründungen wenig plausibel. "Sie hätte das Mittel angeben müssen und hat es nicht getan. Dies belastet sie", erklärte der Schwede.