Claudia Pechstein: Eine Karriere liegt auf Eis - DER SPIEGEL
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Claudia Pechstein Eine Karriere liegt auf Eis

Für Eisschnellläuferin Claudia Pechstein geht es beim Weltcup in Salt Lake City um mehr als die Olympia-Qualifikation für Vancouver. Die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin läuft um ihren Ruf und gegen den Dopingvorwurf. Wenn sie scheitert, ist ihre Karriere beendet.
Eisschnellläuferin Pechstein: Karriereende in Salt Lake City?
Eisschnellläuferin Pechstein: Karriereende in Salt Lake City?

Eisschnellläuferin Pechstein: Karriereende in Salt Lake City?

Foto: Colin Braley/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal steht Claudia Pechstein sich selbst im Wege. Da hat sie gerade ihren Eilantrag beim Schweizer Bundesgericht durchgebracht, trotz verhängter Dopingsperre beim 3000-Meter-Weltcuprennen in Salt Lake City starten zu dürfen, da kann sie sich im Moment des kurzen Triumphs die Bemerkung nicht verkneifen, sie "würde gerne einen Fotoapparat mit in die USA nehmen, um die überraschten Gesichter der Konkurrenz aufzunehmen". Es sind solche Sätze, die es ihr schwer machen, die Öffentlichkeit in ihrem Kampf gegen den Dopingverdacht auf ihre Seite zu ziehen. Die herzliche Abneigung ihrer Rivalinnen aus Russland, Übersee und vor allem aus den Niederlanden ist ihr in Salt Lake City mit einem solchen Statement in jedem Fall sicher.

Pechstein

Typisch . Sie war nie ein Sonnenschein, kein Medien-Darling, vielmehr eine ehrgeizige, zuweilen nach außen verbissen wirkende Sportlerin, die sich ihre überragenden Erfolge in ihrer langen Laufbahn vor allem durch Fleiß und Siegeswillen erarbeitet hat. So hieß es bislang, jetzt gibt es Zweifel, ob es nicht auch verbotene Substanzen waren, die Pechstein beflügelten. Gerade wegen der Vorwürfe scheint ihre Hartnäckigkeit noch ausgeprägter. Nachgeben - um keinen Preis.

Seit sie im Februar vom Weltverband Isu mit dem Dopingvorwurf konfrontiert wurde, spürt die 37-Jährige den Druck des unehrenhaften Karriereendes. Der erste Sponsor, die Deutsche Kreditbank, ist ihr nach der Bestätigung der Sperre durch den Sportgerichtshof Cas eiligst abgesprungen. Als Polizeibeamtin müsste sie, des Dopings überführt, mit dienstrechtlichen Konsequenzen rechnen. Möglicherweise werden der erfolgreichsten deutschen Wintersportlerin sogar olympische Goldmedaillen aberkannt, hat IOC-Präsident Jacques Rogge dieser Tage angedeutet. Ihre gesamte sportliche Vita steht unter Generalverdacht.

Dopingfahnder werden diskreditiert

Das Pechstein-Lager unternimmt daher alles, die Vorwürfe aus der Welt schaffen zu wollen. Die Methoden der Dopingfahnder werden als fehlerhaft diskreditiert, unausgesprochen wabert der Verdacht, es handele sich bei der ganzen Angelegenheit um eine Intrige gegen eine erfolgreiche Läuferin und Konkurrentin. Schließlich kommen mit Isu-Weltcup-Koordinator Jan Dijkema und dem obersten Dopingfahnder Harm Kuipers die entscheidenden Leute, die die Sperre Pechsteins betreiben, aus den Niederlanden - dem Land, aus dem auch die schärfste sportliche Konkurrenz stammt. Pechstein und ihr Management haben den Weltverband der Lüge bezichtigt, haben nach dem Scheitern vorm Cas unverzüglich den Gang vor das Schweizer Bundesgericht angetreten. Dies alles immer vor großem Publikum. Pechstein war selbst zu ihren besten sportlichen Zeiten nie eine so öffentliche Person wie in diesen Monaten. Der Dopingfall Pechstein ist ein Medienspektakel geworden.

Vor sieben, acht Jahren, als die Öffentlichkeit die Konkurrenz zwischen ihr, der Erfurterin Gunda Niemann und der Bayerin Anni Friesinger anheizte, hat Pechstein gelernt, wie das Business Spitzensport funktioniert. Eisschnelllauf war urplötzlich zu einem Thema des Boulevard geworden. Die von der Presse als bajuwarische Frohnatur gehandelte Friesinger, offenherzig in mancherlei Sinne, gegen die zwei vermeintlich Spröden aus dem Osten - so ließ sich Eisschnelllauf, diese Randsportart im Bewusstsein der Deutschen, wunderbar vermarkten. Die Managements der drei Topläuferinnen werkelten eifrig an diesem Bilde mit - das Umkurven der Eisbahnen wurde zwar dadurch noch lange nicht zum Massensport wie in Holland, aber Sponsoren ließen sich damit schon anlocken. Die sportlichen Erfolge, die mit diesen drei Namen verknüpft sind, taten ihr Übriges, um Geldgeber an den Eislauf zu binden.

Pressekonferenz als PR-Coup

Seitdem weiß Pechstein, geführt und beraten von ihrem umtriebigen Manager Ralf Grengel, wie sich Medien für eigene Zwecke einsetzen lassen. Ihre aufwendig vorbereitete Pressekonferenz im September, mit der Grengel und Pechstein versuchten, die Mängel im Dopingverfahren offen zu legen, wurde von einem privaten Nachrichtensender bundesweit übertragen und geriet zum PR-Coup. Das Bild der Unschuld vom Eise, die beklagt: "Ich habe den Dopingstempel auf der Stirn, mit dem Wissen, nichts getan zu haben", hat sich seitdem bei vielen verfestigt.

Im Gegenzug werden Journalisten, die durchscheinen lassen, dass sie Pechstein für überführt halten, von ihr als Gegner wahrgenommen und auch so behandelt. Wer kritisch über Pechstein berichtet, geht zumindest das erhöhte Risiko ein, von ihrem Rechtsbeistand Simon Bergmann juristisch belangt und abgestraft zu werden.

Fotostrecke

Dopingsperre: Der tiefe Fall der Claudia Pechstein

Foto: TORSTEN SILZ/ AFP

Dem deutschen Eisschnelllauflager kommt diese ganze Geschichte denkbar ungelegen. Der Fall Pechstein hat viel Unruhe in die Olympia-Vorbereitung und ins Team gebracht. Der Verband, der zwischen Athletin und Weltverband lavieren muss, hätte die Angelegenheit, so hört man unter der Hand, am liebsten möglichst rasch vom Tisch.

Die einfachste und eleganteste Lösung für die Beteiligten wäre es, wenn Pechstein die Qualifikation in Salt Lake City nicht schaffen würde und sich das Thema Olympia-Nominierung mit diesem Abgang auf sportliche Art erledigt hätte. Aber das kann man sich bei der Berlinerin nicht vorstellen. Claudia Pechstein wird das ihr Erdenkliche tun, um es allen und ihr selbst möglichst schwer zu machen.