Colts-Quarterback Manning: Mann ohne Makel - DER SPIEGEL
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Colts-Quarterback Manning Mann ohne Makel

Führt Peyton Manning die Indianapolis Colts am Sonntag zum nächsten Super-Bowl-Sieg, wird er als bester Quarterback der NFL-Geschichte gefeiert. Der Beliebteste aber ist er trotzdem nicht, denn viele betrachten ihn als makellos und zu glatt. Die Sympathien gehören seinen Gegnern.
Von Marco Plein
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Foto: LUCY NICHOLSON/ REUTERS

Die Vorhersage besteht nur aus wenigen Sätzen. Und weil es nur eine von so vielen ist, droht sie in der Masse unterzugehen. Zwei Wochen lang haben sich die Amerikaner darin überboten, alle möglichen Blogs, Kolumnen, Analysen und Tipps zum Super Bowl (Sonntag, 23.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), dem Endspiel der US-Profi-Football-Liga NFL, zu veröffentlichen. Und trotzdem stechen diese Sätze heraus, denn sie bringen alle Vorberichte auf den Punkt. "Am Ende gewinnen die Colts. Warum? Ganz klar, weil sie Peyton Manning haben", sagt Tom Jolly, NFL-Insider der "New York Times". "Die beiden Mannschaften sind gleich gut. Würde Manning also bei den New Orleans Saints spielen, würden die gewinnen. Aber das tut er nicht. So einfach ist das."

Eigentlich können einem diese Saints ja ein wenig leidtun, sie kommen mit einem der besten Quarterbacks der Liga, Drew Brees, nach Miami zum Super Bowl, sie haben in Reggie Bush einen der wendigsten und schnellsten Ballträger, und sie werden mit Sympathien nur so überhäuft. Ein paar Jahre nach dem schrecklichen Hurrikan Katrina gönnt die überwiegende Mehrheit der Footballfans dieser Mannschaft den Titel - dass sie in ihrem allerersten Super Bowl auch noch als Außenseiter antritt, passt da nur ins Bild. In New Orleans werden die Saints sogar mit einer pompösen Parade geehrt, sollten sie als Verlierer heimkehren.

Es könnte also alles so schön sein, gäbe es da nicht Peyton Manning. Vom perfektionistischen Denken angetrieben, steht der viermal zum wertvollsten Spieler der Liga (MVP) ausgezeichnete Passgeber - das hat sonst noch keiner geschafft - in seinem zweiten Super Bowl. 2007 gewann Indianapolis deutlich. Und auch in diesem Jahr ist die Mannschaft klarer Favorit, weil es dem 33-jährigen Manning beeindruckend gelang, trotz der Abschiede des Erfolgstrainers Tony Dungy und Angriffspartners Marvin Harrison ein Colts-Team von Sieg zu Sieg zu führen, dem der ganz große Erfolg nicht zugetraut worden war. Von 16 Fachjounalisten des US-Sportsenders ESPN hatte vor dem Saisonstart kein einziger Indianapolis als Titelträger erwartet, nicht einer war bereit, der Mannschaft die Super-Bowl-Teilnahme vorauszusagen, und niemand hatte sich Peyton Manning als MVP vorstellen können.

Siege mit Manning, Niederlagen ohne ihn

Als ob diese Nichtbeachtung Ansporn gewesen wäre, gewann das Team 14 Ligaspiele in Folge, und erst danach, als die Playoff-Teilnahme gesichert war und Manning aussetzte, gab es Niederlagen - der Club musste sich zwar Wettbewerbsverzerrung vorwerfen lassen. Aber das störte niemanden.

Jetzt ist Peyton Manning also wieder da, nur noch ein Sieg fehlt ihm zur Krönung seiner ohnehin schon herausragenden Laufbahn. Dabei war zwei Jahre lang fast keine Rede von ihm, zweimal schied er früh aus und hatte fortan seine Ruhe - denn nur wenn er unaufhaltsam von Sieg zu Sieg eilt, bemerken die Fans, dass sie ihn eigentlich gar nicht so recht mögen. Sie achten Manning, aber lieben ihn nicht, sie respektieren, aber bejubeln ihn nicht, sie bewundern, aber verehren ihn nicht. Manning ist ohne Makel, zu glatt, zu erfolgreich, und bunte Geschichten über ihn gibt es keine. Er gilt als perfekt, als Zielstrebigkeit in Person - und wer will das schon sehen?

"Er ist der Grund, wieso sich niemand für die Colts begeistert", schreibt Robert Littal in einem Blog der "Washington Post", und darüber steht: "Peyton ist schuld." Er sei wie eine Streberin, die im Leben sowieso großen Erfolg haben werde, die aber niemand sehen wolle, die Cheerleaderin sei doch viel anziehender. Die Saints verkörpern die Cheerleaderin, sie sind attraktiv, bunt, voller Geschichten, ihnen drückt Präsident Obama die Daumen.

"Man muss mit allem rechnen"

All das ist Peyton Manning ziemlich egal. "Ich weiß, dass die meisten Leute New Orleans anfeuern werden", sagt er. "Aber das beeindruckt uns nicht". Natürlich nicht. Denn noch nie hat sich Manning von irgendetwas beeindrucken lassen. Das muss er auch nicht, schließlich ist er immer perfekt vorbereitet. Wie ein Besessener studiert er gegnerische Verteidigungssysteme bis ins kleinste Detail, "man muss mit allem rechnen", sagt er. Colts-Trainer Jim Caldwell hat so etwas noch nie erlebt. "Er merkt sich alles, was er sieht", berichtet der 55-Jährige, "und im Spiel, selbst im Eifer des Gefechts, nutzt er diese Information. Das kann sonst niemand." Gray Brackett, ein Verteidiger der Colts, ergänzt: "Wie sagt man noch? Ein guter Schachspieler kann zehn Züge voraussehen. Genauso ist es bei Peyton im Football."

Führt Manning die Colts am Sonntag zum Sieg, gilt er nicht nur als bester Quarterback der letzten paar Jahre, sondern verdrängt all die anderen großen Spieler wie Tom Brady oder Brett Favre. "Für mich ist er dann der beste Quarterback überhaupt. Es gab noch nie einen, der so viel Kontrolle über das Spiel hat", schreibt Ross Tucker, NFL-Kolumnist der Zeitschrift "Sports Illustrated".

Und weil das Duell des perfekten Peyton, dessen Vater Archie Manning jahrelang für New Orleans spielte, gegen die sympathischen Saints wie gemacht ist für das Fernsehen, bejubelt der Sender CBS einen Glücksfall. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, als Werbespots noch am Spieltag erworben werden konnten, sind diesmal alle verkauft. Schon in den bisherigen Playoff-Spielen vermeldeten die TV-Stationen Rekordquoten, fast 60 Millionen sahen das Halbfinale der Saints, fast 50 Millionen das der Colts. Nun, beim Super Bowl, werden wohl erstmals über hundert Millionen einschalten. Viele von ihnen wollen Peyton Manning verlieren sehen. Den beeindruckt das nicht.

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