Comeback-Triumph: Klitschkos Karrierekrönung steht noch aus - DER SPIEGEL
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Comeback-Triumph Klitschkos Karrierekrönung steht noch aus

Vitali Klitschko zeigte nach seiner vierjährigen Wettkampfpause eine beeindruckende Vorstellung beim WBC-Titelsieg gegen Samuel Peter. Damit lieferte er beste Argumente, seine Profi-Boxlaufbahn fortzusetzen und sich einen großen Traum zu erfüllen.
Von Susanne Rohlfing
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach zwei Runden weiß Natalie Klitschko, was viele ihrem Mann nicht zugetraut hatten: Sie würde ihn heile zurückbekommen. Als überlegenen Sieger noch dazu und zum dritten Mal in seiner zwölf Jahre währenden Profikarriere und ihrer ebenso lange währenden Ehe als Box-Weltmeister im Schwergewicht. Zwei Runden lang fiel ihr Blick unwillig aus halb geschlossenen Liedern hinauf in den Ring, suchte vorsichtig die Augen des Mannes, den sie weder als Boxer noch als Politiker besonders gern erlebt. Dann sah sie es. Klar und deutlich. "Er wusste, dass er gewinnt", sagt sie später. "Haben Sie das nicht in seinen Augen gesehen?" Nein, eher in seinen Fäusten, die unermüdlich und knallhart Samuel Peter malträtierten, die dem Titelverteidiger aus Nigeria kaum eine Chance auf Gegenwehr ließen, die nach vier Jahren Ringpause nichts verlernt, im Gegenteil, sogar noch dazugelernt zu haben schienen. Wäre Peter nicht als Weltmeister angereist, müsste man ihn jetzt zu einem schlecht ausgewählten Gegner erklären. Zu einem, der keine Herausforderung war, der mehr als einen von Beginn an einseitigen Kampf nicht möglich machte. In der Pause zur neunten Runde gab der 28-Jährige auf wie ein geprügelter Hund, der sich aus der Gefahrenzone rettet und unter den Tisch kriecht. "Vitali hat Samuel Peter vorgeführt wie einen Anfänger", so formuliert es Klitschkos Trainer Fritz Sdunek kurz darauf.

Im November 2005 hatte Vitali Klitschko nach einer Serie von Verletzungen seinen Rücktritt erklärt. Jetzt war der 37-Jährige in der Berliner Arena vor 13.500 Zuschauern wieder in den Ring gestiegen, um gemeinsam mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Wladimir Geschichte zu schreiben. Zwei Brüder, die zur gleichen Zeit Weltmeister im Schwergewicht sind, gab es noch nie. Als es dann so weit ist, als Peter aufgibt, der Kampf gewonnen und Geschichte geschrieben ist, verwandelt sich Wladimir Klitschko in einen jubelnden Irrwisch, der durch die Seile in den Ring fegt und den Bruder vor lauter Ungestüm umzuwerfen droht. "Heute hat mein Bruder bewiesen, dass er der bessere Klitschko ist", sagt der Jüngere im Überschwang über den Älteren.

Vitali Klitschko ist da noch nicht bereit, sich wirklich zu freuen. Gerade noch hatte er in der Ecke gesessen, Fritz Sdunek stand vor ihm und gab Anweisungen für die neunte Runde. Gerade noch war er im Gefühl, kurz vor dem finalen Treffer zu stehen, diesem einen Schlag, der den Gegner zu Boden schickt und den einfachen Sieg in einen großen Triumph verwandelt. Und jetzt das: Samuel Peter verdirbt ihm den Spaß und macht nicht mehr mit. Seine Betreuer hätten das wegen der vielen harten Treffer aus gesundheitlichen Gründen so entschieden, erklärt Peters Manager Ivaylo Gotsev. "Samuel konnte nichts mehr beweisen, es war nicht seine Nacht, er muss ein andermal wiederkommen, um zu kämpfen."

Es war die Nacht von Vitali Klitschko, der am Ende keine einzige Schramme im Gesicht hat. Nur seine Finger schmerzen. Die vielen Hände, die ihm gratulieren wollen, kann er nicht schütteln, Autogramme bringt er nur mit großer Mühe zu Papier. "Ich kann hauen", sagt er, "und meine Hände sind geschwollen, trotzdem stand Samuel immer noch". Mit solchen Nehmerqualitäten seines Gegners hatte er nicht gerechnet. Sie sind der Wermutstropfen dieser sonst so perfekten Klitschko-Nacht.

Vitali Klitschko hatte sich im Ring mit einer Überlegenheit präsentiert, die an Dreistigkeit grenzte. Er ist dafür bekannt, dass seine Linke wie bei einem Revolverhelden auf Hüfthöhe baumelt, anstatt sich mit der Deckung des Kinns zu beschäftigen. Doch diesmal baumelte auch die Rechte weit entfernt von der Stelle herum, an der ein Boxer üblicherweise die Schläge des Gegners abfängt. Aber es kamen ja auch kaum welche. Die wenigen Attacken, die Peter startete, plazierte er denkbar unpräzise und wirkungslos auf Klitschkos mächtige Brustmuskeln. Gegen die trockenen, von unten heranschnellenden Fäuste seines Gegners fand Peter kein Mittel, Runde für Runde ließ er sich verprügeln. Mit seinen schlenkernden Armen und dem leicht zurückgelehnten Oberkörper sah Klitschko dabei nicht wirklich elegant aus, aber er war effektiv.

Ob es weitere Kämpfe von ihm geben wird, lässt Vitali Klitschko offen, er gibt den Politiker, der er im Stadtrat von Kiew ist und flüchtet sich in vage Formulierungen. "Ohne Träume ist das Leben langweilig, ich werde zusammen mit meinem Bruder weiterträumen", sagt er. Zum Beispiel davon, alle Schwergewichtsgürtel in die Familie Klitschko zu holen. Von den großen vier besitzt er selbst jetzt den des Weltverbandes WBC, seinem Bruder gehören die der IBF und WBO. Bleibt der Titel der WBA, den im Moment der 2,13-Meter-Riese Nikolai Walujew aus Russland hält. Wladimir Klitschko wird seine Titel am 13. Dezember gegen den Russen Alexander Powetkin verteidigen, der Austragungsort steht noch nicht fest. Wenn er gewinnt, könnte Vitali Klitschko sich dann im nächsten Jahr daran machen, den nächsten Klitschko-Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Sein Trainer hofft, dass es so kommen wird. "Nach so einem Kampf kann man nicht aufhören", sagt Fritz Sdunek. Natalie Klitschko hat schon kapituliert. "Soll ich mich in den Ring legen und sagen er darf nicht?", fragt sie. Boxen und Politik, das sei beides schlimm. Doch im Sport seien die Regeln immerhin klar. Die Angriffe kommen von vorn, der Gegner steht ihrem Mann Auge in Auge gegenüber und verbirgt sich nicht hinter seinem Rücken. Vor seinem Comeback als Boxer hatte sie noch gehofft: "Vielleicht geht die Krankheit vorbei, vielleicht wird er immun." Jetzt dürfte Vitali Klitschko infizierter sein denn je.

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