Crossgolf Currywurst statt Carpaccio
Traditionsbewusste Vertreter der Golf-Bewegung würde die Performance dieses Sportkameraden erschüttern. Die Jeans hängt Tim, 29, nur knapp über dem Gemächt. Das bis zum Bauchnabel aufgeknöpfte Hemd gestattet freie Sicht auf seine farbenfrohen Tätowierungen.
Dort, wo sich der junge Mann an diesem Sonntag zum Abschlag postiert, stört sich jedoch niemand an dem gewagten Outfit. Der Geschäftsführer der "Tanzhalle St. Pauli" übt mit 15 Bekannten in einer Baugrube im Hamburger Freihafen. Die staubige Driving Range ist umstellt von Lagerhallen und Lastkränen. Aus einem Ghettoblaster schallt Musik von Madonna. Auf dem Grill brutzeln Putenschnitzel.
Bier und Buletten
Es ist nachmittags um vier. Tim ringt schwer mit der Motorik. Die vergangene Partynacht war heftig. Erst beim vierten Versuch trifft er mit seinem "Driver" den Ball. "Golf ist trotzdem mein Ding", sagt Tim. Dann greift er zum Dosenbier.
Golf, das war bislang vorrangig die Leibesübung der Society. Gespielt wurde auf den manikürten Grünanlagen teurer Clubs. Und nach der "Runde" gönnte sich die feine Gesellschaft an der Theke, dem 19. Loch, ein Gläschen Schampus.
Doch neuerdings befindet sich der kontemplative Ballsport offenkundig auf dem Weg vom Carpaccio zur Currywurst. "Natural Born Golfers" (NBG), so nennt sich eine Bewegung, die das elitäre Vergnügen unter der Bezeichnung "Crossgolf" in die urbane Realität befördert. Ob in Berlin, Paris oder San Francisco: Eingelocht wird auf Baustellen, Hafengeländen, Fabrikhöfen oder den Freiflächen von Wohnsiedlungen. Etikette? Gibt es nicht.
Golf ohne Grenzen an dieser Idee arbeitet seit Jahren ein Mann, der schon früh das "anarchische Potenzial" des herrschaftlichen Rasensports erkannte. Zuerst puttete Torsten Schilling, 37, bei langen Geschäftsreisen mit Kollegen auf Hotelfluren. Dann umging der gelernte Filmausstatter die horrenden Mitgliedsbeiträge der Clubs, indem er sich, ausgerüstet mit Signallampen und Leuchtbällen, erst nach Mitternacht auf Golfplätze schlich.
Crossgolf ein "Volkssport"?
Vor fünf Jahren spielte Schilling mit Freunden erstmals in der City. Er gründete die "Natural Born Golfers" und entwarf ein Logo, das einen Totenkopf mit zwei gekreuzten Schlägern zeigt. Mittlerweile ist er seinem Traum vom "Volkssport" ein beträchtliches Stück näher gekommen.
Schon jetzt unterhält die NBG Büros in München, Hamburg, Berlin, Dortmund, Hannover und Köln. 4000 Mitglieder umfasst allein Schillings E-Mail-Verteiler. Für ein Turnier in der Hansestadt meldeten 600 Fans Interesse an. Der neue Trend reicht sogar bis ins Ausland. "Turbogolfers", so nennen sich die Crossgolfer in Zürich. Erst jüngst eröffnete die NBG in Paris und San Francisco Dependancen.
Brechen mit den Konventionen
Schon immer erwuchs dem traditionellen Sport vor allem im großstädtischen Raum erstaunliche Konkurrenz. Ob Streetsoccer oder Streetbasketball, stets entstanden derlei neuzeitliche Phänomene aus dem Bedürfnis heraus, mit den eingefahrenen Formen der Leibesertüchtigung zu brechen.
Vor allem Amerikaner interpretieren Golf zunehmend als Extremsport. "Nacktgolf", so nennt sich eine in Kalifornien verbreitete Variante. "Speedgolf", eine athletische Abwandlung, bei der man dem abgeschlagenen Ball hinterhersprintet, wurde wiederum bekannt, weil die Mitglieder der Rockband "Red Hot Chili Peppers" Anhänger dieser Abart sind. Nun also Crossgolf.
Ausrüstung vom Flohmarkt
Elektrisiert ist die Fangemeinde von einer Spielart, die zum einen die Konventionen des Originals abgeschafft hat. Ansprüche an Solvenz und Status gibt es nicht. Schläger und Bälle kommen vom Flohmarkt. Zum anderen ist Crossgolf ganz auf die Bedürfnisse der Spaßgesellschaft zugeschnitten. Bei einem Turnier in Berlin schlugen die Aktiven unter anderem von einem gemieteten Spreedampfer ab. Als Ziele werden mal Bautoiletten, mal Fensterruinen anvisiert. Wer erst nach dem dritten Bier über die nötige Zielsicherheit verfügt, der bedient sich aus dem stets gut sortierten Catering-Transporter. Exzessiv statt exklusiv.
Auch die Organisation der Events erfolgt in Einklang mit dem Zeitgeist. Die wechselnden Spielorte werden über das Internet bekannt gegeben. Ganz frei von konfektionellen Präferenzen ist die neue Zunft indes auch nicht mehr: Begehrtes Merchandising-Objekt unter Crossgolfern ist die von NBG-Aktivisten entworfene Hose der Marke "Taiga Wutz", ein Beinkleid im Tigerlook mit eingenähten Ball- und Bierdosenhaltern.
Werden die Anarchos zur Avantgarde?
Müssen alteingesessene Golfclubs ob der Konkurrenz also um ihre Pfründen fürchten? Immerhin gehen selbst veranlagte Schwungkünstler wie der Ex-Profi Oliver Eckstein gelegentlich bei den Golf-Desperados fremd. Und dem Anschein nach mutieren die Anarchos allmählich zur Avantgarde. Ein Turnier im vorigen Sommer in Hamburg sponserte der Bierbrauer Bitburger, der das Einlochen in geöffnete Kanaldeckel bereits als Motiv eines Werbefilms nutzte. Im August wird die erste Deutschland-Tour der Crossgolfer ausgespielt, unterstützt von einem Modehersteller.
Dass deutsche Ordnungshüter dem Fun-Projekt ein jähes Ende bereiten, darauf sollten sich Golf-Traditionalisten nicht verlassen. Als angetrunkene NBG-Genossen neulich im Hamburger Freihafen von der Polizei gestellt wurden, endete die Visite mit dem lapidaren Hinweis: "Passt wenigstens auf, dass keiner von euch ins Wasser fällt."