Damentennis Verbrannt mit Anfang 20
Hamburg - Jahrzehntelang war das Damentennis eine sehr überschaubare Angelegenheit. Da standen sich in den Endspielen der großen Turniere immer wieder Martina Navratilova und Chris Evert-Lloyd gegenüber, etwas später kam die Zeit von Steffi Graf und Gabriela Sabatini, danach dominierte zunächst Monica Seles und dann Martina Hingis die Szene. Dass die Schweizerin, die 1997 durch den Sieg bei den Australian Open als 16-Jährige jüngste Nummer eins aller Zeiten wurde, bereits im Oktober 2002 - mit gerade einmal 22 Jahren - nach Operationen an beiden Fußknöcheln ihre Karriereende verkündete, war aber der Anfang eines Verdrängungskampfes im Damentennis, wie es ihn auf der WTA-Tour noch nie gegeben hat.
Verletzte Tennisdamen: Verdrängungskampf mit harten Bandagen
Jennifer Capriati, Venus Williams, Serena Williams, Kim Clijsters, Justin Henin-Hardenne und zuletzt Amélie Mauresmo - alle Weltranglisten-Ersten nach Hingis wurden durch zum Teil monatelange Verletzungspausen wieder zurückgeworfen. "Die Frauen kränkeln deutlich mehr und sind viel häufiger verletzt als die Männer", hat auch Bernd Kabelka beobachtet. Der Orthopäde, mehr als 15 Jahre Turnierarzt bei den Tennisturnieren am Hamburger Rothenbaum, sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Das Hauptproblem sind Überlastungsverletzungen. Die körperliche Konstitution der Spielerinnen ist der Dauerbeanspruchung nicht gewachsen."
Die Belgierin Clijsters zum Beispiel absolvierte in der Saison 2003 102 Einzel, mehr als jede andere Spielerin in den vergangenen Jahren zuvor, wie das "Tennis-Magazin" registrierte. Ihren letzten großen Auftritt hatte die 21-Jährige dann vor einem Jahr in Melbourne, als sie das Endspiel gegen Landsfrau Henin-Hardenne mit 3:6, 6:4, 3:6 verlor. Eine Handgelenksverletzung warf sie in der Rangliste seither auf Platz 20 zurück, ihre Teilnahme an den Australian Open 2005 musste Clijsters ebenfalls absagen. Zwar sind die meisten Profi-Spielerinnen heute ganz offensichtlich viel besser trainiert als früher, aber "sie müssten neben dem tennisspezifischen Training viel mehr Ausgleichssport betreiben. Da sind die Männer weiter", erklärt Kabelka. Die aufgebauten Muskelberge beispielsweise der Williams-Schwestern oder Mauresmos seien kein Allheilmittel.
Auch Henin-Hardenne, 22, fehlt beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres. Im Vorjahr hatte das Pfeiffersche Drüsenfieber die Titelverteidigerin lange Zeit matt gesetzt, jetzt schmerzt das Knie der auf Platz neun im Ranking zurückgefallenen Olympiasiegerin. "Bei den beiden Belgierinnen hat man den Eindruck, dass sie absolut verbraucht sind", sagt Sportmediziner Kabelka. Nur von Mitte November bis Mitte Dezember haben die Spielerinnen Zeit, sich von ihrer Jagd nach Ranglistenpunkten auf dem Erdball zu erholen. Doch weniger Turniere würden weniger Geld bedeuten: für Veranstalter wie für Spielerinnen. Wie so oft kollidieren wirtschaftliche Interessen mit gesundem Menschenverstand, wenn es um Reformen geht.
Verbraucht mit Anfang 20. Das ist die Kehrseite der Medaille, die Larry Scott aus seiner Sicht so beschreibt. "Nie hatten wir einen vergleichbar harten Wettbewerb und eine so ausgeglichene Konkurrenz", sagt der Chef der Spielerinnenvereinigung WTA angesichts der hohen Leistungsdichte zufrieden, "nie war Damentennis so spannend." Sieben verschiedene Spielerinnen in den vier Grand-Slam-Endspielen 2004 dienen Scott als Beleg für seine These. Sensationell waren die Siege der Russinnen Anastasia Myskina, 23, Maria Scharapowa, 17, und Swetlana Kuznetsowa, 19, in Paris, Wimbledon und Flushing Meadows.
Doch auch French-Open-Gewinnerin Myskina beklagte sogleich den Termindruck, der auf den Tennisdamen lastet. "Ich war zu erschöpft, in den zwei Wochen zwischen Paris und Wimbledon ein Vorbereitungsturnier auf Rasen zu spielen. Ich bin immer noch müde", erklärte sie ihr frühes Aus in London und fügte hinzu: "Ich bin wohl nur angesichts der Verletzungen der anderen die Nummer drei der Welt."
Die aktuelle Nummer eins im Ranking, Lindsay Davenport, 2002 nach einer Knie-Operation acht Monate ausgefallen, profitierte ebenfalls von einer Blessur ihrer Konkurrentin. Weil sich die damalige Weltranglistenerste Mauresmo vergangenen Herbst im Finale von Filderstadt an den Adduktoren verletzte und der Amerikanerin den Sieg kampflos überlassen musste, war der Weg zurück auf den Gipfel frei für die 28-Jährige, die vor fünf Jahren in Melbourne ihren letzten Grand-Slam-Sieg gefeiert und bereits ihr Karriereende angekündigt hatte.
"Wer gesund bleibt, hat eine gute Chance Nummer eins zu bleiben", stichelt Tracy Austin gegen das Erfolgsrezept "Last woman standing". Die 42-jährige Amerikanerin spricht aus schlechter Erfahrung. Ende der siebziger Jahre war der blonde Teenager mit der beidhändigen Rückhand der Shootingstar im Damentennis gewesen, der bis an die Weltranglistenspitze schoss. Wegen Rückenbeschwerden musste Austin ihre Laufbahn allerdings schon mit 21 Jahren beenden.
Weil bei den Australian Open neben den Vorjahresfinalisten Henin-Hardenne und Clijsters auch die Siegerin von 2001 und 2002, Jennifer Capriati, verletzt fehlt, blickt die Tenniswelt schon jetzt gespannt nach Pattaya. In der ersten Februarwoche will Martina Hingis dort ihr Comeback versuchen. "Es ist ein Test, ich habe keine Ahnung, wie mein Körper darauf reagiert. Aber es interessiert mich brennend, wo ich im Vergleich mit den aktuellen Spielerinnen stehe", erklärte die 24-Jährige. Sportarzt Kabelka traut Hingis eine Rückkehr auf die WTA-Tour zu: "Es ist sehr gut möglich, dass sie sich wieder erholt hat. Ihre Verletzungen waren welche, die ausheilen können."
Tracy Austin übrigens kehrte nach ihrem Rücktritt 1984 mehrfach zurück. Ohne Erfolge. Ihren letzten Grand-Slam-Auftritt hatte sie bei den Australian Open 1994. Da verlor sie in drei Sätzen gegen die Deutsche Sabine Hack, die Austins einst gefürchtete Spielweise "altmodisches und druckloses Tennis" nannte.