Das Becker-Phänomen "Plötzlich konnte ich fliegen"
Hamburg - "Bum-Bum-Becker" gewann als erster ungesetzter und als jüngster Spieler der Geschichte das Traditionsturnier von Wimbledon, war zudem der erste Deutsche, der sich im Herreneinzel in die Siegerliste eintrug. Der "17-jährigste Leimener aller Zeiten" löste mit dem sensationellen Triumph in seiner Heimat einen Tennis-Boom aus und lebte auch fortan ein Leben in Superlativen.
Im permanenten Rampenlicht der Öffentlichkeit kam der Teenager auch abseits des Tennisplatzes ins Schwitzen. "Bobele" babbelte zunächst wenig dezidiert vor sich hin, wurde deshalb zum Liebling der Kabarettisten. Doch Becker, der als 16-Jähriger die Schule verlassen hatte, gewann im weiteren Verlauf seiner Karriere an Profil, lieferte mit kritisch-provokanten, teils auch widersprüchlichen Thesen zu Staat und Gesellschaft immer wieder Schlagzeilen. So sympathisierte der nach Monte Carlo ausgewanderte Multimillionär Becker mit den Besetzern in der Hamburger Hafenstraße oder sprach sich für die Abschaffung der Bundeswehr aus.
Faszination Boris Becker
Auf den Courts rund um den Globus faszinierte Becker die Tennisfans. Wie kein Zweiter ließ er die Zuschauer an seinen Emotionen teilhaben, trieb in seinen besten Zeiten die TV-Einschaltquoten auf das Niveau von Samstagabend-Shows. Wenn Becker aufschlug, fieberte die ganze Republik mit ihrem Helden. "Boris Nationale ist kein normaler Topspieler. An seinen Nerven zerrt nicht nur der Gegner, sondern die Bundesregierung und eine ganze Nation. Bei jedem Aufschlag steht das deutsche Bruttosozialprodukt, die Auflage der 'Bild'-Zeitung, die Zukunft der Union und das Schicksal von Puma auf dem Spiel", kommentierte das "FAZ-Magazin" treffend.
Zwischen Genie und Wahnsinn feierte Becker glorreiche Triumphe und kassierte aber auch bittere Niederlagen wie im Wimbledon-Endspiel 1991 gegen seinen Erzrivalen Michael Stich. Der charismatische Tennisstar stürzte von einem Extrem ins andere und ließ seine nächste Umgebung davon nicht unberührt. 1987 trennte er sich von seinem Coach Günther Bosch, der ihn gemeinsam mit Manager Ion Tiriac groß rausgebracht hatte. "Ich brauche keinen Trainer, der Tag und Nacht auf mich aufpasst", begründete der 19-Jährige seinen Schritt. Schon sein Entdecker Boris Breskvar hatte an Becker eine gewisse "Sturheit" ausgemacht.
Flucht aus dem Stadion
1990 fühlte sich das Idol, das mittlerweile von Bob Brett trainiert wurde, müde und ausgepowert: "Tennisjahre sind wie Hundejahre. Manchmal fühle ich mich wie 40". Ein Jahr später hatte der damals 23-Jährige sein ultimatives Ziel erreicht: Durch den Gewinn der Australian Open wurde Becker die Nummer eins der Weltrangliste. "Plötzlich konnte ich fliegen", beschrieb er diesen Glücksmoment - und flüchtete aus dem Stadion, "Ich wollte für mich, meine Gefühle rauslassen." Einsamkeit war für den Superstar Luxus geworden, der die "systematische Vereinnahmung seiner Person" anprangerte.
Finanziell hatte der von Tiriac mit lukrativen Werbeverträgen ausgestattete Becker längst ausgesorgt. Nach der Trennung vom rumänischen Tennis-Guru 1993 ließ sich der Champion von Axel Mayer-Wölden beraten. Der Tennisheld unternahm mit den Marken "Autohaus Boris Becker GmbH & Co KG" und der "Boris-Becker-Marketing (BBM)" erste Schritte als Unternehmer .
Das Ende einer "15-jährigen Reise"
Seinen letzten großen Titel gewann Becker 1996 in Melbourne, als er zum zweiten Mal bei den Australian Open siegte. Ein Jahr später erklärte nach dem Viertelfinal-Aus gegen Pete Sampras seinen Rücktritt von den Grand-Slam-Turnieren: "Für zwei Wochen über drei Gewinnsätze habe ich nicht mehr den Körper, vielleicht auch nicht mehr die Psyche."
Doch Becker blieb der wichtigste Mann im deutschen Tennis, löste im selben Jahr Niki Pilic als Daviscup-Teamchef ab. 1999 verabschiedete er sich als Tennisspieler endgültig dort, wo alles begonnen hatte: in Wimbledon. Patrick Rafter zerstörte im Achtelfinale Beckers Hoffnung auf einen krönenden Abschluss. "Es war eine wunderbare Reise über 15 Jahre. Ich bin dankbar", sagte der dreimalige Wimbledon-Gewinner zum Abschied.
Anfang 2000 trat Becker als Teamchef der deutschen Daviscup-Mannschaft im Streit zurück. Der 33-Jährige ist als Werbestar, Geschäftsmann und "Very Important Person" aber noch immer allgegenwärtig. Die am 5. Dezember 2000 bekannt gegebene Trennung von seiner Ehefrau Barbara erreichte in den deutschen Medien den Rang einer Staatskrise.