Daviscup-Finale Sandmänner träumen vom Titel
Hamburg - Im "Palau Sant Jordi" zu Barcelona ist zentnerweise roter Sand ausgeschüttet worden - der Lieblingsbelag der spanischen Grundlinienkünstler. "Jeder hasst es, gegen die Spanier in Spanien zu spielen, denn auf Sand sind sie fast unschlagbar", hat John Newcombe, Kapitän von Gegner und Titelverteidiger Australien, mehr als nur Respekt vor den "Sandmännern", die ab Freitag zusätzlich auf die frenetische Unterstützung von rund 16.000 Landsleuten an jedem der drei Spieltage bauen können.
"Wenn sie diesmal den Daviscup nicht gewinnen, schaffen sie es nie", behauptet John McEnroe, der seine eigenen - schmerzhaften - Erfahrungen mit den Spaniern gemacht hat. Aus Enttäuschung über die 0:5-Halbfinalpleite in Santander demissionierte "Big Mac" als US-Kapitän. Mit Alex Corretja, Albert Costa und Juan Carlos Ferrero hat Spaniens Kapitän Javier Duarte drei so starke Einzelspieler im Aufgebot, dass selbst der French-Open-Champion von 1998, Carlos Moya, keinen Platz im Team findet.
Auch die Australier, die das deutsche Team im Viertelfinale ausschalteten, verzichten auf einen Star. Nachdem Mark Philippoussis, der die Aussies 1999 im Endspiel gegen Frankreich fast im Alleingang zum Titel geführt hatte, wegen einer angeblichen Verletzung für das Halbfinale gegen Brasilien kurzfristig absagte, ist er im Team als "Vaterlandsverräter" nicht mehr erwünscht. In die Rolle des Daviscup-Helden soll nun der Jüngste schlüpfen: der 19-jährige Lleyton Hewitt, der im letztjährigen Finale beide Einzel verlor. Newcombe, der nach dem Endspiel in Spanien abtritt, traut Hewitt zu, seine Aufgaben diesmal besser zu lösen: "Er wird beide Einzel gewinnen. Ich weiß es."
Der langmähnige Hewitt, der auf dem Platz wie ein zu allem entschlossenen Streetfighter auftritt, ist trotz Atembeschwerden in den letzten Wochen ebenfalls siegesgewiss: "Mein oberstes Ziel ist der Gewinn des Daviscup", betont der Weltranglisten-Siebte, "darauf habe ich stets hingearbeitet. Auch wenn es vor spanischem Publikum eine Art Alptraum wird - wir holen den Pokal."
Ausgerechnet der sonst so besonnene Alex Corretja hat die Stimmung vor dem Finalduell angeheizt: "Ich kann nicht leiden, wie sich Hewitt auf dem Platz benimmt. Das habe ich noch nie über einen Spieler gesagt. Schon nach den ersten Punkten brüllt er 'Come on'. Wie kann jemand von Beginn an aufgeputscht sein? Sein Verhalten ist merkwürdig, nicht normal. Es motiviert mich aber zusätzlich, ihn zu schlagen."
Zuletzt gelang Spaniens Top-Spieler dies vor einer Woche im Masters-Cup-Vorrundenspiel. Mit 4:6, 7:6 (7:3), 6:3 kämpfte Corretja seinen Widersacher in Lissabon nieder, obwohl er bereits ausgeschieden war. "Ich wollte ihn unbedingt besiegen. Ich hätte die ganze Nacht dafür durchgespielt." Im Hinterkopf hatte der 26-Jährige schon das Daviscup-Finale in seiner Heimatstadt: "Ich wollten meinen Teamkollegen zeigen, dass wir ihn schlagen können." Mit dem Sieg in Lissabon nahm der ATP-Weltmeister von 1998 Revanche für die deprimierendste Niederlage seiner Karriere: Bei den diesjährigen Australian Open hatte ihn Hewitt 6:0, 6:0, 6:1 gedemütigt.
Spaniens Tennis-Legende Manuel Santana drückt seinem Nachfolger zwar die Daumen, im "Palau Sant Jordi" aber wird er fehlen: "Wenn ich nicht wirklich mit dem Herzen dabei bin, ist es besser, wenn ich weg bleibe." Deshalb spielt Santana am Wochenende ein Senioren-Turnier in Florida.
Den Mann, der mit seinem Wimbledonsieg 1966 in Francos Spanien einen Tennis-Boom auslöste, schmerzt noch immer, dass er im Vorjahr als spanischer Daviscup-Kapitän abgesetzt wurde. Da passt ins Bild, dass Santana für das australische Team seines langjährigen Freundes und Rivalen Newcombe das Vorbereitungscamp in Marbella besorgte.
Tennis-Experten von Andre Agassi bis Marat Safin tippen, dass Spanien das schafft, was Santana nie vergönnt war, den Gewinn der "hässlichsten Salatschüssel der Welt". 1965 und 1967 stand Santana mit Spanien zweimal im Endspiel, beide Male hieß der Gegner Australien. Der große Unterschied: Beide Male wurde die Begegnung auf Rasen ausgetragen.
Die Aufstellungen für das Daviscup-Finale in Barcelona (8.-10. Dezember 2000):
Spanien: Alex Corretja (Doppel), Juan Carlos Ferrero, Albert Costa, Juan Balcells (Doppel).
Australien: Lleyton Hewitt, Patrick Rafter, Todd Woodbridge (Doppel), Sandon Stolle (Doppel).