Daviscup-Revival Galionsfigur Becker, Phänomen McEnroe
Hamburg - In schwierigen Zeiten schwelgen die Menschen gerne in schönen Erinnerungen. Sie kramen alte Fotos hervor, deren Anblick ihre Herzen erwärmt und ihre Körper wohlig mit einer Gänsehaut überzieht. Für die deutschen Tennis-Fans ist so ein Bild das des 19-jährigen Boris Becker, der - ein riesiges Schwarz-Rot-Gold-Banner schwenkend - seinen Fünf-Satz-Triumph über den US-Amerikaner John McEnroe im Daviscup-Abstiegskampf mit einer Ehrenrunde feiert. Das war 1987 in Hartford. Fast vier Millionen Bundesbürger drückten Becker damals noch morgens um 5.19 Uhr die Daumen, als dieser nach 6:39 Stunden die "Tennisversion des Hundertjährigen Krieges" ("The Observer") für sein Land entschied.
16 Jahre später steckt das deutsche Tennis in einer tiefen Krise. Zwar bieten Rainer Schüttler oder Tommy Haas ein ums andere Mal Weltklasseleistungen, doch das scheint immer weniger Menschen zu interessieren. Von Faszination schon gar keine Spur. Die Fernsehsender wollen Tennis nur noch selten übertragen, Sponsoren halten sich bescheiden zurück. Stuttgart verlor deshalb schon seine Mastersveranstaltung, Hamburg sein Damenturnier. Auch die derzeit in Berlin stattfindenden German Open der Frauen in Berlin stehen auf der Kippe. Über das am kommenden Montag beginnende Rothenbaum-Masters sagt der Präsident des finanziell klammen Deutschen Tennis-Bundes, Georg von Waldenfels: "Wenn wir 2003 wieder rote Zahlen schreiben, müssen wir uns vom Masters trennen."
"Remember Hartford" - eine Flucht in die gute, alte Zeit soll die Gegenwart retten. Die Idee hatten die Geschäftsleute Heiner Kamps und Hans-Dieter Cleven, die mit Boris Becker als "Chairman" zum ersten Mal das Masters am Rothenbaum veranstalten. Werbung für das Turnier machten am späten Donnerstagabend auf dem Centre Court die Superstars von einst: Boris Becker, 35, und John McEnroe, 44.
Marktschreier als Stadionsprecher
Nach einem ausgelassen-chaotischen Nena-Konzert auf dem Centre Court und tennisspielenden Fußballern vom HSV und FC St. Pauli reißt bereits die Vorstellung der vier Akteure für das so genannte Daviscup-Revival - Becker und Michael Stich für Deutschland, John und Patrick McEnroe für die USA - die rund zehntausend Zuschauer zu stehenden Ovationen und Begeisterungsstürmen hin - trotz Geschichtsklitterung. In Hartford waren nur Becker und der ältere der McEnroe-Brüder dabei. Egal. Die Sehnsucht nach Helden ist so groß. Da bedürfte es gar nicht des marktschreierischen Stadionsprechers, dem dringend eine Familienpackung Lutschtabletten gegen Heiserkeit zu empfehlen ist.
Als aber die Realität die durch Nostalgie angeheizte Vorfreude ablöst, erhält die Anfangseuphorie der Fans einen Dämpfer. Das Seniorentennis zwischen Stich, 34, und Patrick McEnroe, 37, das der Lokalmatador mit 7:6 und 6:3 gewinnt, bietet wenig Spektakel und sorgt erstmal für Ruhe auf den Rängen. Der immerhin sehr ausgeglichene erste Satz ist noch nicht vorbei, da zieht es selbst der leidenschaftliche Tennis-Experte Günter Bosch, der vor dem Match den Reportern der Lokalzeitungen mit Verve seine Meinung zur "Tragödie Nicolas Kiefer" referiert hat, gelangweilt vor, sich in der Cafeteria ein Dessert auszusuchen. Taugt die Vergangenheit doch nur für schöne Erinnerungen?
Ein spindeldürrer, blasser Kerl mit grauen Schläfen aber zieht die Zuschauer noch heute in seinen Bann. 19 Jahre nach seinem letzten Grand-Slam-Einzelsieg kämpft, leidet und tobt John McEnroe, als ginge es um sein Leben. Das Genie am Schläger gewinnt den ersten Satz gegen den keinesfalls enttäuschenden Becker mit 6:3, feiert brillante Punkte mit Luftgitarren-Soli.
Beherrscht und kraftvoll hält Becker, der sich auf das Match einen Monat lang in Miami vorbereitet hat, dagegen und gewinnt den zweiten Durchgang mit 6:1. McEnroe wirft enttäuscht sein Racket über den Platz, beschimpft den Stuhlschiedsrichter. Statt eines dritten Satzes entscheidet der "Champions Tiebreak" die Partie. Wer als erster zehn Punkte erreicht, ist der Sieger. Becker gewinnt mit 10:4, ballt die Faust, McEnroe flucht über das verkürzte Finale: "Ich hasse diese dumme Regel. In einem dritten Satz hätte ich noch eine Chance gehabt." Das Publikum ist derselben Meinung und spendet McEnroe mindestens ebenso viel Applaus wie dem Sieger, der "dem Regelwerk dankbar" ist und anschließend von einem "perfekten Tag" seines Engagements für den Rothenbaum spricht.
McEnroe will "George Foreman des Tennis" werden
"Ich bin stolz darauf, McEnroe nach Hamburg geholt zu haben", sagte Becker zufrieden, "John ist ein Phänomen." Obwohl McEnroe der Älteste unter den Tennis-Oldies ist, beherrscht er seit Jahren die ATP-Seniorentour. "Eine Saison will ich noch dran hängen, weil ich immer der George Foreman des Tennis werden wollte", lässt der 44-Jährige wissen. Boxer Foreman wurde im Alter von 45 Jahren noch einmal Schwergewichtsweltmeister. Wahrscheinlich meint McEnroe es ernst.
Während der US-Amerikaner seinem Sport hauptsächlich als TV-Kommentator und Zeitungskolumnist verbunden geblieben ist, scheint der seit Beendigung seiner aktiven Profikarriere beruflich herumirrende Becker endlich ein adäquates Betätigungsfeld gefunden zu haben. Wie auf dem Platz gibt Becker bislang nämlich auch als "Chairman" des Rothenbaum-Turniers, in das er als entscheidende Neuerung Unterhaltungselemente integrieren möchte, eine gute Figur ab. Die Daviscup-Revanche, die künftig regelmäßig auf dem Programm stehen soll, stößt als "Anstoß fürs Hauptturnier" (Becker) auf große Resonanz. Rund 20.000 Karten sind für beide Tage zusammen verkauft worden, das Fernsehen des Norddeutschen Rundfunks ist live dabei. Für die Kooperation bei der Masters-Berichterstattung laufen, so Becker, "gute Gespräche" zwischen ihm und dem NDR.
Als Galionsfigur tut Becker dem deutschen Tennis gut. "Tennis benötigt Promotion", sagt John McEnroe, "es ist gut, dass Boris etwas macht." Auch der wie Becker als deutscher Daviscup-Teamchef gescheiterte Michael Stich erkennt: "Wir müssen Tennis aggressiver promoten." "Remember Hartford" ist ein Anfang. "Wir dürfen uns nicht auf unserer Vergangenheit ausruhen", sagt Becker. Mit der Vergangenheit zu arbeiten, könnte aber der Beginn einer Erfolgsgeschichte sein.