DEL-Finale "So eng wird jetzt jedes Spiel"
Köln - Auf die übliche Ehrenrunde verzichteten sie diesmal. Nach kurzem Gruß in die schunkelnde Masse der 18.407 Zuschauer marschierten die Spieler der Kölner Haie gnadenlos emotionslos in die Kabine. Mit 5:3 (1:2, 2:0, 2:1) hatten sie das erste Playoff-Finale um den deutschen Eishockey-Titel gegen die München Barons für sich entschieden. Ausgelassenheit indes löste der Erfolg in Reihen des Favoriten nicht aus, ungewöhnlich früh verabschiedeten sie sich auch aus dem Vip-Raum der ausverkauften Kölnarena.
"Das war ein aufregendes Spiel", hinterließ Kölns zweifacher Torschütze Sergio Momesso, "und ich fürchte, so eng wird jetzt jedes Spiel." Das ist gut möglich, denn der Start in die DEL-Finalserie (best-of-five) geriet für den Vorrunden-Ersten zu einem Kraftakt mit lange unwägbarem Ausgang. Erst 21 Sekunden vor dem Ende eines intensiven Spiels, als Münchens Goalie Boris Rousson bereits zu Gunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis gefahren war, brachte Todd Hlushkos Schuss ins verwaiste Barons-Tor zum 5:3 die Gewissheit des Sieges und löste in der dröhnenden Arena befreiten Jubel aus. KEC-Coach Lance Nethery wehrte jedoch voreilige Glückwünsche ab. "Es gibt eine Menge Arbeit zu tun", meinte der Kanadier. Er weiß, wovon er spricht, die letzten drei Meisterschaften gewann Nethery, mit Adler Mannheim.
Die Kölner hatten im Vorfeld eine andere Idee vom Spielverlauf gehabt, dies eröffnete hinterher der überzeugende Verteidiger Mirko Lüdemann. "Dass es so schwer wird, hätten wir nicht gedacht", sagte der Nationalspieler, "die Barons sind ein harter Brocken." Mäßig frustriert hasteten denn die Münchner zum Flughafen, aus ihren Analysen drang Zuversicht vor dem zweiten Duell am Ostermontag (15 Uhr) in der heimischen Olympiahalle. "Wir haben hier stark gespielt", befand Barons-Verteidiger Shane Peacock, "am Montag wollen wir alles versuchen und ich denke, das wird ein sehr großes Spiel für uns."
Fast träge hatten die Kölner 18 Tage nach dem Ende ihres Halbfinalduells mit den Berlin Capitals die Arbeit wieder aufgenommen. Im ersten Drittel blieb vor allem ihre Erfolgsquote in Duellen Mann gegen Mann bescheiden. Vielleicht eine Folge der sommerlichen Temperaturen, die nicht wenige in Shorts oder Kurzröcken zum Spektakel an die Eisfläche streben ließ; womöglich aber hatte die Diseuse Anita Davis im musikalischen Präludium die absolute Mehrheit der Kölner Profis nordamerikanischer Abstammung mit der deutschen Nationalhymne schlichtweg des mentalen Spannungszustandes beraubt. Belebende Wirkung verlieh jedenfalls nicht einmal Jason Youngs hübsches Solo zum 1:0 nach nur 46 Sekunden, wobei Boris Rousson die Scheibe durch die Schoner glitt.
Denn die Barons, die imponierenden Neulinge in der Deutschen Eishockey-Liga, ignorierten diesen Auftakt: Sie kontrollierten mit robustem Einsatz und einer strukturierten Spielform das Mitteldrittel. Und gleich das erste Überzahl-Spiel beendete Pelle Svensson mit dem Ausgleich (4.), der starke Peacock erzielte von der blauen Linie sogar das 2:1 für die Gäste (13.). "Im ersten Drittel haben wir keinen Zweikampf gewonnen", mäkelte später Haie-Coach Nethery und übertrieb damit unwesentlich, "unser Spiel war zu statisch."
Das alles hat er ihnen dann mitgeteilt, nach Angaben mehrerer Ohrenzeugen fand die erste Besprechung in rein sachlicher Atmosphäre statt. "Er ist ruhig geblieben, denn wir wussten, dass wir heute und auch im nächsten Spiel noch viel besser sein werden", berichtete Lüdemann. Offenbar die angemessene Art der Zuwendung, denn mit Beginn des zweiten Abschnitts setzten sich die Kölner ihrem Berufsstand angemessen zur Wehr und fanden auf diesem Wege zu flüssigeren Kombinationen. Sergio Momesso und Corey Millen trafen zur 3:2-Führung, als die Münchner jeweils einen Mann weniger auf dem Eis hatten (29./37.). Wie zuvor nach dem 2:2 studierte Schiedsrichter Hellwig (Krefeld) nach dem dritten Treffer zunächst das Videomaterial, ehe er auf Tor entschied. Schütze Momesso sorgte später mit seiner subjektiven Interpretation für Aufklärung. "Ich habe nicht bewusst mit dem Schuh gekickt, ich wurde vom Puck getroffen, das Tor war in Ordnung."
Vor dem 2:3 hatten die Münchner gut eineinhalb Minuten eine 5:3-Konstellation verschwenderisch ausgelassen. Die entscheidende Schwäche in einer Auseinandersetzung zweier gleichwertiger Kader, die wohl auch im weiteren Verlauf nur über derlei Nuancen entschieden wird. Barons-Kapitän Simon Wheeldon sah das ähnlich: "Wenn du sowas nicht ausnutzt, kannst du schlecht ein Finale gewinnen. So etwas darf uns nicht nochmal passieren." So eröffneten die Haie mit dem 4:2 Momessos (42.) das Schlussdrittel, um allerdings darauf in Passivität zu verharren. Peacock ebnete mit seinem zweiten Tor zum Anschluss (47.) die Show des Andrew Verner: Der kanadische Torsteher der Haie bewahrte sein Team mit einer Handvoll verblüffender Reflexe vor der Verlängerung.
"Am Ende haben wir noch einmal Druck gemacht, aber leider unsere Chancen nicht genutzt, deshalb hat Köln verdient gewonnen", sprach anschließend Münchens Trainer Sean Simpson. Sein Jugendfreund Lance Nethery, der in Toronto in Simpsons Nachbarschaft aufwuchs, fand am Ende bei aller auferlegten Zurückhaltung zur lockeren Rede. "Wenn du ins Finale kommst, mit 18.000 Fans und so Werbung fürs deutsche Eishockey machst", meinte der 42-Jährige mit einem Glas Kölsch in der Hand, "dann darfst du nicht nervös sein, dann musst du das genießen."