Der Etappenhase: 19 Kilometer Kraftmeierei - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase 19 Kilometer Kraftmeierei

Prolog war gestern, heute ist Einzelzeitfahren. Der Auftakt der 92. Tour ist eine harte Prüfung. Zu erwarten ist eine Materialschlacht auf einer Art Autobahn. Der Kurs ist tellerflach und geeignet für Männer mit dicken Oberschenkeln: Dazu zählen Jan Ullrich – aber auch Michael Rich.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Tour beginnt heute nicht wie in den vergangenen Jahren mit einem kurzen Prolog über etwa fünf Kilometer - diesmal steht ein richtiges Einzelzeitfahren auf dem Programm. Die Strecke ist 19 Kilometer lang, führt über eine autobahnähnliche Straße von Fromentine nach Noirmoutier, auf der es die Fahrer mit wechselndem Wind zu tun haben werden.

Ich habe die Strecke gestern selber abgefahren und kann eines vorhersagen: Das heutige Resultat wird schon viel Aussagekraft haben für den weiteren Verlauf dieser Tour. Denn dieser Parcours ist etwas für ganz Starke, und deswegen stellen sich alle Profis dieselben Fragen: Habe ich in der Tourvorbereitung auch alles richtig gemacht? Bin ich auf den Punkt fit? Und vor allem: Wie gut sind meine direkten Gegner?

"Wie vor einer Prüfung"

"Ein bisschen wie vor einer Prüfung", fühle man sich, sagte Jörg Jaksche vom spanischen Liberty Seguros Team gestern. Stimmt. Allerdings hat diese Prüfung eine Besonderheit: Kein Fahrer weiß, wie gut seine Konkurrenten in Form sind.

19 Kilometer scheinen auf den ersten Blick nicht viel auszumachen - gemessen an der Gesamtstrecke der Tour von 3607 Kilometern. Trotzdem zählt heute bereits jede Sekunde. Wer erinnert sich nicht an das grandiose Finale der Tour vor 16 Jahren, als der Amerikaner Greg LeMond den Franzosen Laurent Fignon im abschließenden Einzelzeitfahren auf den Champs Elysées um lächerliche acht Sekunden geschlagen hat?

Für alle Fachleute ist dieses erste Zeitfahren eine Wohltat, denn bei dieser Prüfung lässt sich gleich am ersten Renntag feststellen, welcher Profi in Form ist. Dass die Bergspezialisten auf diesem Flachstück Zeit einbüßen werden, ist normal. Wie gut wird sich der Mitfavorit auf dem Gesamtsieg und Bergspezialist Ivan Basso schlagen, der zusammen mit dem früheren Toursieger Bjarne Riis (in dessen Team er nun fährt) an seiner aerodynamischen Sitzposition auf dem Rad gefeilt hat. Wie gut kommt der wiedererstakte Spanier Santiago Botero über die Piste? Die spannendste Frage ist aber: Wer kann im Duell Ullrich gegen Armstrong ein erstes Ausrufezeichen setzen?

Vorteil für die dicken Oberschenkel

Heute werden die Fahrer dominieren, die enorme Kraft in den Oberschenkeln haben. Vorteil Ullrich also? Denn dem T-Mobile-Profi sollte eigentlich dieser Flachkurs liegen. Hier gibt es nicht wie bei früheren Prologen enge Kurven, die ständige Rhythmuswechsel erfordern. Der Kurs beginnt mit einer Gerade, es folgt lediglich eine Rechtskurve, die man anbremsen muss. Und nach der Brücke von Noirmoutier geht es dann fast nur noch geradeaus. Hier werden vor allem die aerodynamische Sitzposition und die Kraft, die der Fahrer aufs Pedal bringt, entscheiden.

Sollte trotz dieses Streckenvorteils Ullrich mehr als 20 Sekunden auf Armstrong verlieren, dann wäre der Zeitfahrsieg des Deutschen auf der Tour de Suisse eben doch nicht die große Formbestätigung gewesen, als die sie uns präsentiert wurde. Fragen über Fragen also.

Im Vorfeld haben alle Favoriten einen enormen technischen Aufwand betrieben, um mit dem besten Material an den Start zu gehen, schon die Wahl der richtigen Reifen kann fünf Prozent mehr oder weniger Leistung bedeuten. Dazu kommen ideale Helmform, Sitzposition und die aerodynamischsten Laufräder, die möglich sind.

Ach ja, das Gelbe Trikot für einen deutschen Fahrer aus einem deutschen Team muss nicht unbedingt Jan Ullrich tragen: Deutsche Meister im Einzelzeitfahren ist nämlich Michael Rich von Gerolsteiner. Sollte der Schwarzwälder heute gewinnen, dann würde er endlich dafür sorgen, dass die Veranstalter mindestens die Trikotgröße L für ihn bereitstellen müssten - denn der Mann hat die Statur eines Bären - und er hat auch die Bärenkräfte, die der Parcours erfordert. Und Rich wäre mir der liebste Überraschungssieger des Zeitfahrens.

Bis morgen, Ihr Etappenhase Marcel Wüst

P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen.  Meine Antworten werden an den beiden Ruhetagen der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Der erste ist Montag, der 11. Juli, eine Woche später folgt der zweite. Ich freue mich auf drei spannende Wochen - bis morgen.