"Der Etappenhase": Alleinfahrt auf den Olymp - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Alleinfahrt auf den Olymp

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Wieso es auf flacheren Etappen permanent zu Ausreißversuchen kommt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich hatte es schon vorher angesprochen. Auf der 15. Etappe ist es dann passiert. Eine große Gruppe fuhr dem Feld davon, fast jede Mannschaft hatte einen Fahrer vorne mit dabei. So wurde hinten das gemacht, wonach den meisten Fahrer ohnehin der Sinn stand: Den Ausreißern wurde nicht energisch nachgesetzt und die mit 232,5 Kilometern längste Etappe mehr schlecht als recht hinter sich gebracht.

Bei solchen Etappen ist es immer der gleiche Ablauf. Erst die Neutralisation, dann folgt der offizielle Start. Anschließend dauert es nicht lange, bis der Erste den Fehdehandschuh wirft und attackiert. Der Mutige schafft es eigentlich nie wegzukommen. Es wird jedoch so lange attackiert, bis sich endlich eine Gruppe gebildet hat, die bessere Chancen hat. Das ist der schwerste Teil der Etappe. Bis wirklich etwas passiert, kann es schon einmal zwei oder drei Rennstunden dauern. Bis dahin ist man froh, wenn man Zeit hat, etwas zu trinken und zu essen.

Rasendes Tempo, rasender Puls

Immer wieder muss man den Hintern heben, um mit den Ausreißergruppen mitzuhalten. Da kommt man schnell auf 20 Sprintintervalle in der Stunde, wobei dazwischen immer noch hohes Tempo um 50 Stundenkilometer gefahren wird. Es sind in solchen Situationen natürlich die Teams im Vorteil, die noch komplett mit neun Fahrren vertreten sind. Dann kann man sich diese Arbeit teilen. Am besten ist die Mannschaft dran, die das Gelbe Trikot besitzt. Sie muss nur darauf achten, welche Gruppe attackiert: Der Leader ist dafür verantwortlich, seine direkten Konkurrenten, die nur wenige Minuten hinter ihm liegen, nicht wegzulassen.

Meist reißen Fahrer auf den flacheren Etappen aus, die in den Bergen Riesenrückstände eingefahren haben und Stunden zurückliegen. Mannschaften, die einen schnellen Sprinter in ihren Reihen haben, aber keinen in der Spitzengruppe, sehen zu, dass sie die Lücke so schnell wie möglich zufahren. Das Spiel geht dann wieder von vorne los, bis es dann wieder eine Gruppe gibt und wieder und wieder.

Irgendwann ist die Konstellation dann für alle Teams zufrieden stellend. Jede Mannschaft hat einen Mann vorne. Oder die Teams, die keinen in der Ausreißergruppe haben, sind körperlich so am Ende, dass sie es nicht mehr schaffen, das Loch zuzufahren. Schließlich sind wir in der dritten Tour-Woche. Zudem tun die Etappen durch Zentralfrankreich, wo es nicht einen wirklich flachen Meter gibt, gerade bei der brütenden Hitze unwahrscheinlich weh.

Hinten im Feld wird der Tag unerträglich lang. Wenn man den ganzen Tag in der langen Reihe der Fahrer hängt und nur das 20-Kilometer-Schild, dann die "Flame Rouge" und schließlich den Zielstrich herbeisehnt, ist die Tour nicht mehr das größte und schönste Radrennen der Welt, sondern nur noch eine elende Quälerei. Da würde man der Tour am liebsten "au revoir" sagen.

Diese Missstimmung dauert aber nur bis zur Dusche im Teambus. Ein frisches Sandwich und das Lieblingsgetränk (meines ist an heißen Tagen ein Radler) bringen einen dann wieder mit der Tour ins Reine. Auch so eine Etappe hat ja ihr Gutes: einen Tag weniger bis Paris.


Ihr und Euer Marcel Wüst

P.S.: Morgen gibt es dann die Antworten auf die Leserfragen, für alle wird der Platz allerdings nicht reichen. I'll do my very best.