Der Etappenhase Allianz unter Rivalen
Wind und Regen haben die fünf Helden von Amiens nach Chartres begleitet, und die besonderen Allianzen in der fünfköpfigen Spitzengruppe waren Salz und Pfeffer der gestrigen Veranstaltung. Wer das Finale der gestrigen Etappe genau beobachtet hat und ein bisschen über die Hintergründe Bescheid weiß, der konnte genau erkennen, wer am Ende mit wem beziehungsweise gegen wen fuhr.
Eines vorab: Natürlich hat jeder der fünf Ausreißer alles dafür getan, die Etappe zu gewinnen. Als neun Kilometer vor dem Ziel jedoch Magnus Backstedt die erste Attacke auf seine Wegbegleiter startete, war es mit der Harmonie dieser Gruppe schnell vorüber. Obwohl alle fünf zu verschiedenen Teams gehörten, merkte man, dass der Franzose Sandy Casar sich nie an der Aufholjagd beteiligte, wenn es darum ging, seinen Landsmann Thomas Voeckler einzuholen. Und der neue Mann in Gelb machte es umgekehrt genauso, als sich Casar abzusetzen versuchte.
Freundschaftsdienst von Backstedt
Ein Franzose, der einen Franzosen daran hindert, eine Etappe zu gewinnen, wenn es noch Fahrer anderer Nationen in der Führungsgruppe gibt, der ist in seinem Heimatland nicht wirklich populär. Wer aber vermutete, dass die beiden Skandinavier Piil (Dänemark) und Backstedt (Schweden) auf Grund geografischer Verbundenheit auch zusammenarbeiteten, der irrte gewaltig. Dagegen fuhren O'Grady und Backstedt einst lange zusammen in einem Team und sind immer noch gute Freunde. So war es nicht verwunderlich, dass Backstedt auf den letzten 800 Metern die Führungsarbeit für O'Grady übernahm. Er wusste, dass er für einen Sieg eigentlich nicht mehr genügend in den Beinen hatte, doch er gab die letzten Meter noch einmal richtig Vollgas, was zunächst wie eine Verzweiflungstat wirkte. So konnte sich aber O'Grady an das Hinterrad des Schweden heften und gewann den Sprint aus dem Windschatten kommend spielend leicht.
Als Fahrer muss man immer wissen, was Sache ist: Wer ist mit wem befreundet, oder wer hat mit einem Wegbegleiter noch eine Rechnung offen. Im Normalfall will natürlich jeder selber gewinnen, aber es wird uns doch auch im täglichen Leben so gehen, dass wir eher einem Freund etwas gönnen als dem ungeliebten Rivalen.
Auch bei den Sprinterteams sind Allianzen wie bei der gestrigen Ausreißergruppe normal. Ist es an der Zeit, Jagd auf eine Ausreißergruppe zu machen, dann gehen dem Arbeitsbeginn der Mannschaftshelfer oft Verhandlungen von Sprinter zu Sprinter voraus: "Wenn wir mit drei Fahrern fahren, fahrt ihr dann mit?" oder "Wenn ihr nicht mitfahrt, lassen wir es auch sein und die Ausreißer gewinnen".
"Was wollt ihr? Ihr müsst fahren"
Derlei Taktieren ist bei einem Event wie der Tour völlig normal, und die Art und Weise, wie in den ersten drei Tagen die Sprints abliefen, lässt erahnen, dass sich immer wieder Verbündete finden werden. In diesem Jahr gab es jeweils verschiedene Sieger, was im Falle einer Interessensüberschneidung die Zusammenarbeit erheblich erleichtert. Ist es allerdings so, dass ein Fahrer alle Sprints gewinnt, dann liegt die Rennverantwortung oft bei dem eigenem Team.
Als Petacchi im vergangenen Jahr in der ersten Woche vier Etappen gewann, taten sich die anderen Mannschaften schwer, in die Nachführarbeit einzusteigen, denn man traute keinem zu, gegen den Italiener zu gewinnen. Und für einen zweiten Platz arbeitet man ungern. Natürlich könnten die Kollegen des Seriensiegers sagen: "Was wollt ihr? Wir haben schon vier Etappen gewonnen, ihr müsst fahren, weil ihr noch nichts geschafft habt", aber der sportliche Ehrgeiz und die Vorgaben vom sportlichen Leiter ersticken solches Verhalten eigentlich schon im Keim.
Selbst wenn es um den Gesamtsieg geht, gibt es oftmals Situationen, dass der Zweitplatzierte ein Loch zu einem gefährlichen Konkurrenten zufährt, nur weil er seinen zweiten Platz verteidigen will. Lachender Dritter ist in diesem Fall der Mann in Gelb, der sich locker ans Hinterrad hängt und keinerlei Führungsarbeit leisten muss.
Meist beschränkt sich das Taktieren und Helfen allerdings auf Teamkollegen. Doch diese wenigen Beispiele zeigen, dass nicht immer nur die zusammen fahren, die auch das gleiche Trikot tragen. Solche Situationen zu erkennen fällt natürlich leichter, wenn man schon länger Profi ist und viele der möglichen Animositäten im Peloton kennt. Gestern tat das allerdings wenig zur Sache: O'Grady war in allen Belangen der stärkste und cleverste, deshalb geht sein Sieg auf jeden Fall in Ordnung.
Bis morgen
Ihr Marcel Wüst
P.S.: Auch bei dieser Tour wird Marcel Wüst gerne Ihre Fragen beantworten. Unter dieser Mailadresse erreichen Sie unseren Experten. Die Antworten gibt Marcel Wüst an den beiden Ruhetagen. Der erste ist am Montag, dem 12. Juli, der zweite eine Woche später.