Der Etappenhase Armstrong versteht zu bluffen
Pau - "Hat Lance Armstrong die Tour schon verloren?" Diese und andere ähnlich schwachsinnige Überschriften waren nach dem Einzelzeitfahren in der Weltpresse zu lesen. Botero hat das Zeitfahren gewonnen. Das ist Fakt. Dass Lance Armstrong nur Zweiter wurde, lässt jetzt alle aufschreien. Mich lässt diese Panikmache kalt, und ich sage Ihnen warum.
Zunächst einmal ist Armstrong mittlerweile immerhin Zweiter der Gesamtwertung und hat noch vier Bergankünfte Zeit, die popeligen 26 Sekunden von Spitzenreiter Galdeano zurückzuholen. Bisher weiß ja noch niemand, wie der Texaner 2002 in den Bergen drauf ist. Bisher gab es ja noch keine Etappe mit steilen Anstiegen bei der diesjährigen Tour.
Eine Erklärung für das unerwartete Zeitfahrergebnis kann sein, dass Armstrong tatsächlich etwas von seiner Power im Zeitfahren eingebüßt hat. Es ist aber nicht so, dass "Mister 100 Prozent" auf der einen Seite etwas verlieren würde, ohne auf der anderen etwas zu gewinnen. Vielleicht hat er das Zeitfahren nicht gewonnen, weil er zwei Kilo leichter ist und dafür in den Bergen noch überlegener. Das Rätsel, ob wir eine spannende Tour - mit einem schwächeren Armstrong als erwartet - erleben oder nicht, wird erst am Donnerstag gelöst.
Einige Berichterstatter haben offenbar auch vergessen, dass Lance Armstrong, als er in den vergangenen Jahren die Tour gewann, vor den ersten Bergetappen immer weitaus mehr Rückstand auf seine direkten Konkurrenten hatte als die 26 Sekunden, die ihn auf dieser Tour vom Gelben Trikot trennen. Ohne das Sturzpech in Avranches wäre er sogar jetzt schon in Gelb.
Wer hat nicht noch die Etappe nach Alpe d'Huez des vergangenen Jahres vor Augen: "Armstrong ist schlecht drauf, er sieht angeschlagen aus." Das und mehr konnte man während der Etappe hören, bis er am Schlussanstieg seine Gegner in Grund und Boden fuhr. Vielleicht hat Armstrong dieses Jahr beim Zeitfahren geblufft? Er kannte schließlich Boteros Zwischenzeiten und hat sich an ihnen orientiert. Am Ende hielt er sich sogar etwas zurück, um die Rolle des einzigen Favoriten vor den Bergen loszuwerden.
Wenn das wirklich so war, wird er auch in den Pyrenäen nicht ganz die Katze aus dem Sack lassen, sondern erst am Mont Ventoux richtig zuschlagen. Register dieser Art hat zwar noch nie ein Champ gezogen. Aber Armstrong traue ich das zu. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er die Tour gewinnen wird. Ob er nur geblufft hat, wird jedoch wohl sein Geheimnis bleiben.
Ihr Marcel Wüst
P.S. Nachdem ich am Ruhetag lange mit Robby McEwen gesprochen habe, sage ich einen Wechsel des Grünen Trikots auf der heutigen Flachetappe von Bazas nach Pau voraus. Wenn Erik Zabel es dennoch behält, ist dieser Irrtum allerdings auch nur ein Beweis meiner Menschlichkeit.