"Der Etappenhase": Armstrong wird heute erneut dominieren - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Armstrong wird heute erneut dominieren

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Warum das Bergzeitfahren nach Chamrousse so wichtig für Jan Ullrich ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jetzt sind wir endlich alle schlauer. L'Alpe d'Huez ist erreicht, und die Topfahrer der Tour haben ihre Standortbestimmung hinter sich. Dabei hat sich wieder mal gezeigt, dass Lance Armstrong das Maß aller Dinge ist. Gestern, das war der Tag der mythischen Etappe, der Etappe, auf der Helden geboren werden: L'Alpe d'Huez - mit allem was dazu gehört.

Die Fankulisse war wie immer ungeheuerlich, und vielleicht haben Sie sich ja auch gefragt, was die Zuschauer den Fahrer zurufen oder besser gesagt: zuschreien. Das geht von "Allez Lance!" über "Los, schneller!", und manchmal hört man auch Sachen wie: "Eres el mejor, venga, venga" - "Du bist der Beste, hau rein". Es ist alles drin, im Positiven wie im Negativen. Die Beschimpfungen sparen wir uns an dieser Stelle.

Vier nackte Männerpos

Die ausgefallenste Sache, die ich zwar nicht hören, dafür aber sehen konnte, ist mir in Spanien passiert: vier nackte Männerpos, auf jeder Backe ein Buchstabe: I-N-D-U-R-A-I-N. Auch das ist Anfeuerung.

Natürlich fragen sich alle, was beim heutigen Bergzeitfahren hinauf nach Chamrousse passiert. Wird Jan Ullrich zur Revanche blasen? Hat er wirklich die Power, noch einmal gegenzuhalten und die Tour spannend zu halten? Oder gibt es wie im letzten Jahr eine neuerliche Demonstration von Armstrongs Stärke? Sagt Ullrich "Na warte, heute zeig' ich's dir"? Oder resigniert er nach den Motto: "Den Lance schaff ich nie"? Viele Fragezeichen, die aber eigentlich nicht wirklich da sind.

Ullrich kann mit der letzten Etappe nicht zufrieden sein

Ich bin der festen Überzeugung, dass Armstrong auch heute wieder dominieren wird. Erstens ist Jans Selbstbewusstsein nach den verlorenen zwei Minuten rauf nach L'Alpe d'Huez sicherlich angekratzt worden. Und zweitens kann Ullrich mit dem Verlauf der gestrigen Etappe nicht zufrieden sein: Seine Mannschaft hat die meiste Arbeit geleistet, Armstrong hielt sich währenddessen klug zurück. Als dann aber das Duell Mann gegen Mann, Kapitän gegen Kapitän anstand, bewahrheitete sich, dass Lance Armstrong der absolut beste Radprofi ist, den Gott im Augenblick unter unserer Sonne hat.

Ist die Tour heute also schon entschieden? Nein, denn das Schöne an der "grande boucle" ist, dass sie länger dauert als ein 400-Meter-Lauf und es auch keine Bahnen gibt, will sagen: Man kommt sich in die Quere. Da kann auch nach dem heutigen Tag ein schlechter Tag reichen, um jeden noch so großen Vorsprung in einen Rückstand zu verwandeln. Ich jedenfalls werde weiterhin mit Freude vor der Glotze sitzen und mir dieses Spektakel nicht entgehen lassen.

Ihr und Euer Marcel Wüst