Der Etappenhase Attacken auf Armstrong
Bagnoles-de-l'Orne - Endlich war es soweit. Ein Königssprint mit einem königlichen Sieger. Erik Zabel vor Oscar Freire und Robbie McEwen. Da hatten wir am Freitag auf dem Zielfoto alle die Fahrer, die bei der diesjährigen Tour de France bislang einen Sprint gewonnen haben.
Die leicht ansteigende Zielgerade sorgte dafür, dass der Weltmeister Freire sowie der australische Champion McEwen noch am Grünen Trikot vorbeisprinteten. Jetzt, da es wahrscheinlich noch zwei Sprintankünfte geben wird, will ich aber schon mal etwas weiter nach vorne schauen und darauf eingehen, was es für eine Mannschaft wie Once bedeutet, so viele Fahrer in der Gesamtwertung sehr weit vorne zu haben. Genau sind es sieben in den Top Ten.
Zunächst einmal ist es wichtig, dass gerade die beiden Kapitäne des spanischen Teams, Igor Gonzalez de Galdeano und Joseba Beloki, sehr gut platziert sind. Dafür sind sie ja schließlich Kapitäne. Galdeano eroberte auf der vierten Etappe das Gelbe Trikot. Beloki liegt hinter dem Sieger der Deutschland-Tour auf Platz zwei.
Als ich die Tour 2000 für Festina fuhr, war Beloki mein Zimmerkollege. Er ist immer gut gelaunt, summt schon morgens beim Zähneputzen baskische Lieder, hat einen unglaublich tiefen Schlaf und weiß - im Gegensatz zu seinem damaligen Nachbarn - immer, wo er welche Sachen am Vortag verstaut hat. Der 29-Jährige ist sich nicht zu schade, auch einmal für andere Fahrer zu arbeiten, obwohl er schon zweimal in Paris neben Lance Armstrong auf dem Podium stehen durfte.
Galdeano hat beim Midi Libre in diesem Jahr schon Armstrong im Zeitfahren besiegt. Oder besser gesagt: Der Ami war der einzige Fahrer unter den ersten fünf im Kampf gegen die Uhr, der nicht für Once fährt. Eben diese mannschaftliche Geschlossenheit kann für Armstrong in den Bergen zum Problem werden, sollte sein Team einen Tag nicht topfit sein.
Wenn erst der eine, dann der andere wieder und wieder attackiert, wird es auch für Armstrong schwer, alle Angriffe zu parieren. Der Titelverteidiger gewann zwar den Midi Libre und auch den Dauphine Libéré, machte aber in diesen Vorbereitungsrennen nicht den absolut überragenden Eindruck wie noch vor Jahresfrist.
Dass der Texaner allerdings auch schauspielern kann, wissen wir seit der Etappe nach Alpe d'Huez im vergangenen Jahr. Da sah Armstrong erst aus wie das Leiden Christi. Am letzten Berg hängte er Jan Ullrich & Co. dann ab, wie diese noch nie abgehängt worden waren.
Ihr Marcel Wüst
P.S.: Wie schon im vergangenen Jahr werde ich auch bei dieser Tour Lesermails beantworten. Schicken Sie bitte Ihre Fragen an Etappenhase2002@aol.com . Antworten werde ich in meiner Kolumne am kommenden Dienstag, dem ersten von zwei Ruhetagen.