Der Etappenhase: Berg mit Hang zur Katastrophe - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Berg mit Hang zur Katastrophe

Wenn sich die Fahrer heute die legendären 21 Kehren nach L'Alpe d'Huez erstmals bei einem Bergzeitfahren hochkämpfen, werden wieder Hunderttausende dicht gedrängt an der Strecke jubeln. Die Menschenmassen sind Motivation für die Profis, aber immer schwingt auch die Angst mit, zu Fall gebracht zu werden.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die heutige Etappe hat im Vorfeld der Tour immer für besonderes Interesse gesorgt. Nicht nur, weil es ein Bergzeitfahren ist, sondern gerade weil es nach L'Alpe d'Huez hinauf geht.

Bergzeitfahren bei der Tour waren bei den Zuschauern schon immer beliebt, und die Tatsache, dass schon zwei Tage vor dem diesjährigen Spektakel kaum noch Plätze an den Hängen des Wintersportorts frei waren, zeigt, was die Fans von diesem Tag erwarten.

Auch die Bergfahrer wollen hier voll auf ihre Kosten kommen. Aber nach allem, was wir bisher auf der Tour gesehen haben, ist kaum mit großen Überraschungen zu rechnen. Bei den Schlussanstiegen in den Pyrenäen kämpften die Fahrer sich auch oft allein und am Leistungslimit ins Ziel. So kann man die Stärke der einzelnen Rennfahrer schon jetzt erahnen.

Pantanis Rekord: 37:35 Minuten

Armstrong und Basso machten bislang den stärksten Eindruck, und deshalb sind die beiden auch die Favoriten. Für alle geht es darum, hundert Prozent zu geben, denn neben der möglichen Podiumsplatzierung geht es auch ums Prestige. Diese Etappe, die dem im Frühjahr verstorbenen Marco Pantani gewidmet ist, wird für alle zu einem Highlight, und eine gerade unter den Fahrern häufig diskutierte Frage ist, ob es jemand schafft, den Rekord des Italieners von 37:35 Minuten zu unterbieten.

Jeder Etappensieger wird sich an dieser Bestmarke messen lassen müssen, aber da vorher keine langen Kilometer zu absolvieren sind, stehen die Chancen für einen neuen Rekord eigentlich ganz gut. Ob es den aber geben wird, ist den vielen Hunderttausend Zuschauern sicher egal. Es ist bombastisch, jeden Fahrer einzeln zu sehen, jedem genau in die Augen schauen zu können und vielleicht auch mal einen der Superstars zu berühren.

Auch für die Fahrer ist der Hexenkessel, der dort herrscht, etwas ganz Spezielles. Aber wenn man als Profi durch das enge Spalier fährt, hat man gemischte Gefühle. Zum einen ist es unglaublich motivierend, durch die tobende Masse zu fahren, wenn man weiß, dass alle Anfeuerungsrufe nur einem selbst gelten. Auf fast 14 Kilometern stehen so viele Menschen an der Strecke wie in allen ausverkauften Bundesligastadien an zwei Spieltagen zusammen - und alle Fahrer werden mit dem gleichen Enthusiasmus angefeuert.

Aber gerade diese Nähe zu den Rennfahrern birgt auch Risiken. Total durchgeknallte und oft angetrunkene Fans rennen neben den Fahrern her, und oft steht man kurz vor einer Katastrophe. Der Sturz eines Fahrers, im Besonderen der von einem mit Aussicht auf einen Etappensieg oder gar den Toursieg, würde das bisher so gut funktionierende System der sich selbst kontrollierenden Zuschauermassen komplett in Frage stellen. Und wo hätte ein fanatischer Fan leichter die Gelegenheit, einen Armstrong zu Fall zu bringen oder gar vom Rad zu schlagen?

Sieg über Armstrong wäre ein enormer Image-Gewinn

Beim Angriff auf Monica Seles vor einigen Jahren waren dem Täter die Konsequenzen egal, Hauptsache die Widersacherin von Steffi Graf war ausgeschaltet. In Anbetracht dessen, dass es aber bisher fast nie Zwischenfälle gegeben hat, bin ich eigentlich optimistisch, dass alles so gut ausgeht wie in den vergangenen Jahren. Fans aus aller Herren Länder hauten sich nicht gegenseitig auf die Mütze, sondern feierten ein grandioses Radsportspektakel mit Gleichgesinnten.

Denen, die schon seit drei Tagen am Straßenrand der D211 kampieren, geht es sowieso um mehr als eine Etappe der Tour de France. Es geht um Urlaub an einem besonderen Ort, es geht um Bekanntschaften zwischen Dänen, Deutschen, Holländern und Amerikanern, die auf dieser "Route Départementale 211" entstanden sind und jedes Jahr aufgefrischt werden. Für alle ist dieses Zeitfahren etwas Besonderes.

Für die Fans, denn es gibt länger etwas zu sehen als sonst. Für die Fahrer, denn es wäre ein enormer Image-Gewinn, Lance Armstrong hier an diesem prestigeträchtigen Ort zu besiegen. Und für uns, die wir von der Tour berichten, denn die Prognosen scheinen einfacher als sonst. Aber man kann sich auch ganz schön verspekulieren, gerade wenn man die Bezeichnung "Experte" trägt.

In der Hoffnung, nicht rauszufallen, lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster: Armstrong gewinnt vor Basso, aber nicht mit neuem Rekord. Dann Mancebo und Ullrich, knapp vor Klöden. Und nach der Etappe sind wir dann alle wieder ein bisschen schlauer.

Ihr Marcel Wüst