"Der Etappenhase" Brutale Attacken in den Pyrenäen
Nach dem verdienten Ruhetag geht es am Freitag von Perpignan nach Ax-les-Thermes weiter. Die Pyrenäen, das zweite große Bergmassiv, türmen sich vor den Fahrern auf. Mit drei Bergankünften in Folge ist der zweite Akt des Gipfeldramas sicherlich der schwerere. Besonders die Etappe von Foix nach Saint-Lary-Soulan am Samstag hat es in sich. Die Sprinter werden es schwer haben, in der Karenzzeit das Ziel zu erreichen.
Was unterscheidet eigentlich die Pyrenäen von den Alpen? Warum mögen einige Fahrer das eine Bergmassiv lieber als das andere? Nebenbei bemerkt: Natürlich frage ich mich als Sprinter, wie man Berge überhaupt mögen kann. Doch zurück in die Alpen und Pyrenäen. Ich habe oft genug beide durchfahren, so dass ich mir ein fundiertes Urteil erlauben kann: Es gibt Unterschiede.
Die Alpenpässe sind weniger steil
Die Alpenpässe sind im Schnitt höher und damit auch oft länger. Dafür sind sie weniger steil und weisen eine gleichmäßige Steigung auf. Alpenriesen wie der Galibier oder der Iserand sind über 2600 und 2700 Meter hoch. Da wird dann auch die Luft extrem dünn, was nicht jeder Radprofi gut vertragen kann. Normalerweise sind bei solchen Höhen kleine schmächtige Bergfahrer im Vorteil, haben sie doch im Vergleich zu den hochgewachsenen Exemplaren weniger Muskeln mit Sauerstoff zu versorgen.
Die spanischen Kletterer fühlen sich in den Pyrenäen am wohlsten. Zum einen ist es quasi zu Hause, was man spätestens dann merkt, wenn die vielen spanische Zuschauer über die nahe gelegene Grenze an die Strecke kommen. Zum anderen führt auch die große nationale Rundfahrt Spaniens, die Vuelta, immer durch die Pyrenäen. Daher kennen viele Fahrer die Besonderheiten dieser Berge. Oft folgt in den Pyrenäen auf eine Abfahrt nach einer Passhöhe kein langes Tal wie in den Alpen, sondern es geht direkt wieder steil nach oben. Das kommt den Bergfahrern entgegen. Die anderen sind weniger begeistert.
Auch wegen einiger Prozent mehr Steigung finden die reinen Bergspezialisten an den Pyrenäen großes Gefallen. Die Charakteristik der Etappen entspricht wohl eher deren Naturell: Schön hoch (da kann man Zeit herausfahren), dann wieder runter (aber dort ist nur ein Bruchteil wieder aufzuholen) und kaum flache Stücke, die gerade für das Sprintergrupetto wichtig sind.
Die Pyrenäen sind etwas für Spezialisten
Die Pyrenäenpässe werden auch sehr viel brutaler angegangen. Kein Wunder, es geht ja oft auch "nur" über zehn oder zwölf Kilometer. Ausnahmen wie den Tourmalet gibt es natürlich auch. Dieses Biest ist nicht nur steil, sondern auch lang, und wurde wahrscheinlich genau aus diesem Grund zur Tour-Legende.
"Wenn schon Berge, dann bitte die Pyrenäen", sagen die Bergfahrer. "Wenn schon Berge, dann bitte nur die Alpen", sagen die Sprintfreunde. Diese Tour gibt es eine Mischung, die den Leichtgewichten entgegenkommt. Wenn es nach mir ginge, könnte die "Königsetappe" der Tour übrigens in der Eifel stattfinden.
Ihr und Euer Marcel Wüst