"Der Etappenhase" Das Einmaleins der Radprofis
Rechnen sollte man können. Sonst gibt man am Ende Interviews, in denen man sich über das vermeintlich errungene Gelbe Trikot freut. Dabei hat man es gar nicht. Stuart O'Grady kann davon ja ein Lied singen.
Am vergangenen Montag auf der zweiten Etappe nach Antwerpen freute sich O'Grady schon, doch holte sich Marc Wauters am Ende mit dem Etappensieg auch das Gelbe Trikot. O'Grady hatte nicht mit der Zeitgutschrift für den Tagessieger gerechnet. Kleiner Trost: Vor der vierten Etappe ist der Australier ja nun doch Spitzenreiter.
Insgesamt 38 Bonus-Sekunden werden auf jedem Tagesabschnitt verteilt. Da kann schnell ein geringer Vorsprung einer Ausreißergruppe reichen, und schon hat das Gelbe Trikot die Schultern gewechselt. Natürlich weiß ein Fahrer nie genau, wie weit jeder andere im Feld zurückliegt.
Aber wenn es eine kleine Gruppe von fünf oder sechs Mann ist, bekommt man schon vom Teamleiter über Funk die Platzierungen eines jeden mitgeteilt, der in dieser Gruppe vertreten ist. Die Teamverantwortlichen haben immer die Ergebnisse vom Vortag parat und hören über "Radio Tour" die Ergebnisse aller auf der Etappe ausgefahrenen Wertungen. So muss man nicht alle Klassements auswendig lernen, sondern kann im Zweifelsfall mal vom Teamfahrzeug eine Info anfordern.
Während es in der Gesamt- und der Nachwuchswertung der Fahrer unter 25 Jahren um Sekunden geht, wird bei den Spezialklassements nach Punkten abgerechnet. So gibt es bei den Bergwertungen unterschiedlich viele Zähler, je nachdem, zu welcher Kategorie der Hügel gerade zählt. Beim Grünen Trikot des in der Punktwertung Führenden kann man auf jeder Etappe bei drei Sprintwertungen und zusätzlich dazu noch bei der Zielankunft Punkte holen.
Dabei ist es natürlich einfacher, seine Gegner bei den Wertungen, in denen es um Punkte geht, zu kontrollieren. Im vergangenen Jahr startete ich bei der siebten Etappe mit 99 Zählern in der Punktwertung. Ich war Zweiter. Vor mir lag Tom Steels mit 100 Punkten, einen Zähler hinter mit lauerte Erik Zabel. Nach jedem Sprint wusste ich genau, wie viele Punkte ich geholt hatte und auch, wie viele meine direkten Gegner.
Entscheidung auf dem Zielstrich
Nach drei Zwischensprints hatte Zabel 104 Punkte, ich kam auf 103, Tom Steels hatte zwei weniger als ich. Also war klar, dass der Endspurt in Limoges die Entscheidung bringen musste, wer das Grüne Trikot kriegt. Ein Ausreißer war vorne und so bekam der die 35 Punkte für den Etappensieg. Der zweite und dritte Platz bringen 30 und 28 Punkte. Ich wusste also: Wenn ich den Sprint gewinne, habe ich wenigstens einen Punkt vor Zabel, egal wievielter er wird.
Ich gewann den Sprint vor ihm und hatte den Minimalvorsprung von einem Punkt. Erik hatte Geburtstag, aber das Grüne Trikot wollte ich ihm dann doch nicht schenken. Am nächsten Tag ging das Gleiche von vorne los - und so ist es in jedem Jahr immer wieder aufs Neue, wenn die Tour über Frankreichs Straßen rollt.
Bis morgen,
Ihr und Euer Marcel Wüst