Der Etappenhase: Das Verdauungssystem der Radprofis - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Das Verdauungssystem der Radprofis

Am ersten Ruhetag der Tour de France widmet sich der Etappenhase einmal all den Fragen, die ansonsten ungeklärt bleiben: In welchen Größen gibt es die Spitzenreiter-Trikots? Wann dürfen die Fahrer den Helm absetzen? Wie ist das mit der Pinkelpause?
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie versprochen, werde ich heute versuchen alle Fragen, die Sie an Etappenhase2003@aol.com geschickt haben, zu beantworten. Es gab in den ersten Tagen sehr viele Nachfragen zu diversen Reglements, die ich dann postwendend mit einer "Reglementskolumne" beantwortet habe, aber auch in vielen anderen Belangen gab es Fragen, die jetzt hoffentlich ein für alle Mal klar beantwortet werden.

Bergfahrer oder Sprinter ist man meist von Geburt an. Sprinter haben mehr Muskeln mit weißen Muskelfasern (Schnellkraftfasern) und die Bergfahrer mehr rote Muskelfasern (Ausdauerfasern). Die Muskelmasse ist beim Sprinter fast immer um einiges größer als die des Bergfahrers, was dazu führt, dass der Sprinter schwerer ist und dementsprechend selbst bei gleichem Kraft-Output langsamer bergauf fährt als der Bergfahrer. Man kann beide Schwächen trainieren und verbessern, aber man wird nie vom Sprinter zum exzellenten Bergfahrer "umschulen" können.

Vor allen Dingen verhält sich das mit dem Sprinten und Bergfahren etwa so ähnlich wie eine Waage. Was man auf der einen Seite gewinnt, verliert man auf der anderen... Dann doch besser seine Stärken trainieren und dort richtig gut sein als überall nur Durchschnitt.

Die Materialunterschiede der einzelnen Teams sind minimal und mit denen in der Formel 1 nicht zu vergleichen. Und doch macht ein Rad, wenn es 200 Gramm weniger wiegt, bei zwei exakt gleichstarken Fahrern und einer Zielankunft in L'Alpe d'Huez dann doch schon mal den Unterschied, ob es ein Sieg wird oder nur ein zweiter Platz.

Die immer neuen Spitzenreitertrikots, die es nach den Etappen gibt, sind zunächst einmal in zwei Größen da (M und L). Diese werden mit einer speziellen Maschine bedruckt und der Fahrer bekommt das "Präsentationstrikot" auf dem Podium angezogen. Er zieht es nicht über den Kopf, sondern wie eine Jacke verkehrt herum an (Klettverschluss hinten).

Das Trikot, das er auf der nächsten Etappe trägt, kommt in der passenden Größe (XS bis XXL) abends zusammen mit dem offiziellen Resultat ins Teamhotel. Mit dabei sind lange Jacke, Regenjacke und Armlinge (Armstulpen) für die kühleren Tage. Auch dieses Trikot wird von der Tour-Organisation mit dem richtigen Sponsorenaufdruck geliefert.

Die Bergwertungen werden nach Länge, Steilheit und auch nach Höhe des Passes eingeteilt, wobei es keinen wirklich relevanten Koeffizienten gibt, mit dem man diese Einteilung mathematisch festzurren könnte. Ein bisschen Willkür ist bei der Einteilung sicherlich auch dabei.

Beim Zeitfahren hat man natürlich Trinkflaschen am Rad, die sind je nach Länge der Etappe auch schon mal ganz voll (0,5 Liter), manchmal aber auch halb leer, denn die verbrauchte Flüssigkeit füllt man meist sofort nach der Etappe wieder auf. Trinken an sich ist aber unerlässlich, gerade wenn es so heiß ist wie in den ersten zehn Tagen dieser Tour.

Eine Helmpflicht gibt es seit Anfang Mai. Der Helm darf jedoch bei Bergankünften vor dem Schlussanstieg abgelegt werden. Meist geben die Fahrer den Helm dann ins Begleitfahrzeug oder werfen ihn einem Teammitarbeiter zu (Masseur oder Mechaniker), der zu genau diesem Zweck unten am Berg postiert wurde. Auf dem Weg nach unten nimmt das Teamfahrzeug diesen - und natürlich die Helme - mit ins Hotel.

Die diesjährige Tour ist die neunzigste, feiert allerdings den 100. Geburtstag. Daher ist es die Tour du centenaire (cent = 100). Warum die Tour de France es trotz der vielen Abstecher ins Ausland noch nicht nach Korsika geschafft hat, weiß ich allerdings auch nicht genau - und vage Spekulationen möchte ich mir lieber sparen. Vielleicht mal eine Nachfrage an die Organisatoren richten: www.letour.fr.

Es gibt diverse Regularien für den Rahmenbau, und die müssen penibel eingehalten werden. Radstand, Tretlagerhöhe, etc. sind vorgeschrieben, und auch Lenkeraufsätze und Sättel bei den Rädern fürs Zeitfahren ziehen regelmäßig die kritischen Blicke der Kontrolleure des Weltverbandes auf sich. Ein Rennrad darf nicht leichter sein als 6,8 Kilogramm, wobei es technisch ohne weiteres möglich wäre ein stabiles, fahrtüchtiges Rad für Bergetappen zu konzipieren, das nicht mehr als 6,0 Kilogramm wiegt. Warum der Weltverband UCI den technischen Fortschritt durch diese Regeln aufhalten will, ist mir schleierhaft und kann eigentlich auch dort nur von den zuständigen Menschen erklärt werden...wenn überhaupt.

Toilettenpapier für Notfälle immer dabei


Zum Verdauungssystem der Fahrer so viel: Im Normalfall erledigt man all das notwendige am Morgen, spätestens nach zwei Tassen Kaffee. Wenn es dann im Rennen doch einmal so ist, dass ein natürliches Bedürfnis erledigt werden muss, dann hat man nur eine Wahl: Zum Teamfahrzeug und nach der Toilettenpapierrolle gefragt (die ist für Notfälle immer dabei) und sich schnellstmöglich aber diskret in die Büsche, die Weinberge oder hinter eine Mauer schlagen.

Eile ist allerdings angesagt, denn das Feld wartet nicht und eventuell auf der Etappe verlorene Zeit wird gnadenlos auf die Gesamtzeit draufgeschlagen - zusätzlich zum Energieaufwand der eventuell durch das Beenden der Etappe im Alleingang entsteht.

Das soll es erst einmal gewesen sein, am zweiten Ruhetag geht es weiter mit Ihren Fragen und meinen Antworten. Ich freu mich schon!

Bis morgen,

Marcel Wüst