Der Etappenhase: Der kleine Mann im Ohr - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Der kleine Mann im Ohr

Früher mussten sich Helfer eines Teams zurückfallen lassen, um Informationen für ihren Kapitän aus dem Teamwagen zu erfahren. Inzwischen ist fast jeder Radprofi per Funk mit den Betreuern verbunden. Bei seinem gestrigen Angriff auf Lance Armstrong profitierte Jan Ullrich von diesem Fortschritt in Sachen Technik.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gestern hat es die ersten Anzeichen dafür gegeben, dass Jan Ullrich eher ein Kandidat für den Toursieg sein könnte als Titelverteidiger Lance Armstrong. Obwohl Armstrong zweifellos die stärkere Mannschaft hat, war es im direkten Vergleich Jan Ullrich, der nicht nur einige Sekunden vor seinem Widersacher im Ziel war, sondern für den zweiten Platz zusätzlich 12 Sekunden Zeitgutschrift bekam.

In den vergangenen Jahren gab es diese Bonifikationen stets nur bis zur ersten Bergetappe. Dass es jetzt durch die ganze Tour diese Zeitgutschriften gibt, könnte beim jetzigen Stand der Dinge am Ende das Zünglein an der Waage sein. Heute sind es nur noch 15 Sekunden, die beide trennen, und wenn man sich überlegt, dass Greg Lemond die Tour 1989 mit nur 8 Sekunden Vorsprung gewann, dann werden die beiden sich nichts schenken, wenn es darum geht, nochmals die eine oder andere Platzierung herauszufahren.

Wer gestern die Fernsehbilder genau verfolgt hat, konnte sehen, dass Ullrichs Angriff auch der modernen Technik zuzuschreiben ist. Als Winokurow attackierte, war es Ullrich, der zuerst nachsetzte. Dabei fuhr er auf Armstrong sofort ein paar Meter heraus. Am Hinterrad des Kasachen angekommen, hielt er zunächst inne und es sah so aus, als wolle er erst einmal verschnaufen. Doch sofort verschärfte er wieder das Tempo, nachdem er sich vorher kurz umgeschaut hatte. Eigentlich konnte er nicht wissen, dass Armstrong zurückhängt. Aber der kleine Knopf im Ohr, mit dem er die Anweisungen aus dem Teamwagen seines sportlichen Leiters empfängt, hat es ihm zugeflüstert.

Im Fahrzeug von Team Bianchi hat Rudy Pevenage alles auf dem kleinen Fernsehschirm verfolgen können, den alle sportlichen Leiter auf dem Armaturenbrett haben. So konnte er seinen Kapitän genau im richtigen Moment über Armstrongs Schwäche in Kenntnis setzen. Ullrich nutzte prompt diese Gelegenheit und holte insgesamt 19 Sekunden seines Rückstandes auf.

Auch sonst sind die Informationen, die die Fahrer im Verlauf der Etappe aufs Ohr gesagt bekommen, wichtig. Gerade, wenn man ein Gelbes Trikot verteidigen muss. Nach einer Attacke mehrerer Fahrer verliert man ab und an schon einmal den Überblick, wer denn in der Spitzengruppe fährt und wo der Bestplatzierte dieser Ausreißer in der Gesamtwertung liegt. In früheren Zeiten musste dann immer ein Fahrer des Teams, welches die Arbeit der Verfolger machte, zum Mannschaftswagen zurück, um sich die per "Radio Tour" an die sportlichen Leiter übermittelten Informationen zu holen. Später musste er wieder nach vorne eilen und die Nachricht übermitteln. Oftmals hatte die Spitzengruppe dann schon fast zwei Minuten Vorsprung und es war unheimlich schwer dieses Loch wieder zuzufahren.

Da wir heute im Informationszeitalter leben und auch auf der Tour die Infos unheimlich schnell an die Fahrer übermittelt werden, wird oft schon reagiert, wenn die Spitze noch nicht einmal dreißig Sekunden Vorsprung hat. Sobald sich dann eine Mannschaft konsequent einreiht und auf Biegen und Brechen die Verfolgung aufnimmt, hat man die Spitze innerhalb weniger Kilometer zurückgeholt. Ein solcher Kraftakt wird anschließend von anderen genutzt, um sofort wieder eine neue Attacke zu starten. Sollte dann eine Gruppe mit Fahrern, die in der Gesamteinzelwertung keine Rolle spielen, sich absetzen, machen die Mannschaftskollegen des Gelben Trikots zwar an der Spitze des Pelotons Tempo, aber zu viel Energie werden sie nicht investieren.

Gespannt bin ich, was auf der heutigen Königsetappe passiert. Moment mal, wieso Königsetappe, werden jetzt einige fragen. Mit sieben Pässen der ersten und zweiten Kategorie wird es heute bei der enormen Hitze, die wieder ankündigt wird, ein wahres Ausscheidungsfahren geben. Sicherlich werden einige Fahrer die Etappe aufgeben müssen, denn der erste richtig schwere Berg kommt bereits nach fünfzig Kilometern. Von da ist es immer noch verdammt weit bis ins Ziel. Besonders, wenn man alleine unterwegs ist oder mit einer Minigruppe voller Fußkranker abgehängt wird.

Auch der Wind, der in den Pyrenäentalern weht, hilft solchen Gruppen nicht. Es droht, dass das Zeitlimit nicht geschafft wird. Das wird, sollte der Sieger einen Schnitt von dreiunddreißig Stundenkilometern fahren, heute bei rund 40 Minuten liegen. Das hört sich eigentlich nach einem riesigen Polster an, aber man muss bedenken, dass es im Verlauf der heutigen Etappe 65 Kilometer nur bergauf geht. Da geht es ganz schnell und man ist zu spät im Ziel, denn gerade im Finale verliert eine abgehängte Gruppe in der Regel fast eine Minute pro Kilometer.

Auch in solchen Fälle werden die Fahrer per Knopf im Ohr über den aktuellen Rückstand informiert. Denn wenn man weiß, dass man es schafft, ist die Motivation doch eine andere. Vor allen Dingen muss man dann den letzten Beg nicht voll am Limit fahren und kann sich für die bevorstehenden Etappen einige Körner sparen.

Ich hoffe für meine Sprinterkollegen, dass die ersten zwei oder gar drei Berge in moderatem Tempo gefahren werden. Schließlich gibt es nach den Pyrenäen noch mal die Chance für die schnellen Männer. Und Sprints ohne Sprinter sind doch langweilig.

Bis morgen

Marcel Wüst