"Der Etappenhase": Der mörderische Mythos - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Der mörderische Mythos

Die tägliche Kolumne zur Tour de France von Radprofi Marcel Wüst. Heute: Warum der Trip rauf nach L'Alpe d'Huez die Etappe aller Etappen ist.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jetzt ist es endlich so weit. L'Alpe d'Huez. Ein Name, ein Mythos, eine Verheißung. Ohne irgendjemandem nahe treten zu wollen. Verglichen mit dem, was die Fahrer am heutigen Dienstag erwartet, war alles auf der bisherigen Tour nur Geplänkel, auch die Etappen durch die Vogesen. Ach was, kalter Kaffee.

Rauf nach L'Alpe d'Huez, davor geht es über den Col de la Madeleine und den Col du Glandon, zwei weitere Alpenriesen. Aber was macht dieses spezielle Feeling aus? Warum ist L'Alpe d'Huez zum Mythos geworden? Natürlich gibt es dafür sachliche Gründe.

Viele Vorentscheidungen sind dort schon gefallen. Etliche Radprofis sind den quälend-steilen Berg als Favoriten hochgefahren und kamen als ermattete Verlierer an. Serpentine um Serpentine haben sie Zeit verloren. Für manche war die Tour schon in L'Alpe d'Huez zu Ende. Dort zu gewinnen ist für einen Bergfahrer - und außer Bergfahrern kann das eigentlich keiner - natürlich das Größte, was es in einer Karriere geben kann. Traum und Trauma. Und nicht zu vergessen: In keinem Skiort ist die Tour häufiger angekommen als in L'Alpe d'Huez. Das sind die Fakten, der Mythos ist etwas anderes.

Andrang wie bei Freibier

Als ich beim ARD-Dreh für die Streckenvorstellung mit dem Rad hochfuhr, war es schon knackevoll. Wohnmobil reihte sich an Wohnmobil, Zelt über Zelte. Jemand, den ich ganz unten traf, sagte mir, er habe schon am vergangenen Samstag keinen Platz mehr für sein Wohnmobil gefunden. Deshalb stand er 500 Meter vor dem Beginn des Anstiegs auf einem Parkplatz.

Natürlich kommen die Zuschauer, die einmal da waren, jedes Mal wieder, wenn es die 21 Serpentinen hinaufgeht. Deutsche mit Jan-Ullrich-Fahnen, Amis mit "Go Lance"-Bannern. Alle Kontinente sind vertreten, es ist ein multinationales Event, das beinahe alljährlich statt findet. Groß war vergangenes Jahr die Trauer, dass L'Alpe d'Huez keinen Platz im Tour-Kalender gefunden hatte.

Diese phanatischen Radsport-Anhänger! Seit vielen Jahren wird die Kurve Nummer sieben von einer Gruppe Niederländer immer aufs Neue verteidigt. Die verbringen ihren Jahresurlaub auf der Route Departementale 211 und sind die gesamte Woche vor der Bergankunft schon auf ihren Plätzen.

Dementsprechend sieht die Strasse auch aus. Da werden Stücke von zirka 200 Quadratmetern in "Oranje" gestrichen. Die holländischen Fahrer wie Erik Dekker, Michael Boogerd oder Maarten den Bakker bekommen ihren Namen auf die Straße gepinselt, die Nationalfahne hängt auf wenigstens hundert Meter Länge überall aus den Wohnwagen und Zelten.

Es sind riesige Musikanlagen aufgebaut, die auch die Zaungäste, die nur am Renntag hochfahren, mit holländischer Volksmusik eindecken. Wenn L'Alpe d'Huez auf dem Programm steht, gibt es Stimmung satt, und das nicht nur am Renntag, man sieht sich alle Jahre wieder. Durch diesen Zirkus müssen sich die Radprofis am Tag der Etappe quälen, und doch bemerkt man all das beim Rennen gar nicht.

Nur ein enges Spalier für die Fahrer

Die Straße ist voller Menschen, die nur ein enges Spalier für die Fahrer lassen und erst im allerletzten Moment nach dem gelungenen Erinnerungsfoto oder dem Berühren des schon lange verehrten Fahrers zur Seite springen, um den Velohelden Platz zu machen. Eigentlich würde ein Vollidiot unter den Millionen Zuschauern schon ausreichen, um aus der Tour de France eine Tour de Farce zu machen.

Man stelle sich vor, da haut ein Zuschauer einen der Tour-Favoriten aus dem Sattel. Zum Glück ist so etwas noch nicht vorgekommen. Aber in dieser Welt muss man mit allem rechnen, wobei ich auch weiterhin auf die rheinische Weisheit vertraue, nach der es heißt: "Et hätt noch immer joot jejange."