"Der Etappenhase": Die Luft nach hinten - DER SPIEGEL
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"Der Etappenhase" Die Luft nach hinten

"Der Etappenhase" - Die tägliche Tour-Kolumne von Marcel Wüst. Heute: Das letzte Einzelzeitfahren und warum Lance Armstrong soviel Zeit mit dem Tüfteln verbringt.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Régnié-Durette - Heute steht die letzte Tortur an. Zumindest für die Fahrer, die unter den ersten 20 der Gesamtwertung sind und nach vorne und hinten relativ wenig "Luft" haben. Es werden noch mal die Podiumsplätze angegriffen oder verteidigt. Gerade Santiago Botero als Topzeitfahrer kann vielleicht noch mal an Raimondas Rumsas vorbeiziehen. Für den Gejagten ist das eine riesige nervliche Belastung, hat man schließlich drei Wochen gelitten und will unbedingt neben Lance auf den Champs-Elysees stehen.

Es ist klar, dass alle mit Zeitfahrrädern fahren. Diese Maschinen wiegen zwar etwas mehr als herkömmliche Rennräder, aber bei der Aerodynamik wird fast an alles gedacht. Statt Speichen in den Laufrädern gibt es hinten ein Scheibenrad, und wenn vorne nicht ein Drei- oder Fünf-Speichen-Laufrad zum Einsatz kommt, sind es höchsten 16 flache Speichen. Die Reifen werden wegen des hohen Risikos einer Panne meist die gleichen sein, die auch auf den normalen Etappen gefahren werden. Je nach Straßenqualität werden sie aber etwas härter aufgepumpt, auf ungefähr zehn Bar.

Mit oder ohne Helm?


Was ich wirklich mit Spannung erwarte, ist, ob Botero mit einem aerodynamischen Zeitfahrhelm an den Start geht. Denn gerade bei einem so langen Rennen gegen die Uhr addieren sich die durch diesen windschnittigen Kopfschutz gewonnen Zehntelsekunden schnell, ungefähr drei pro Kilometer. Aber es wird unter einem solchen Helm oft unerträglich warm und das ist einer der Gründe, weshalb einige Fahrer trotz der Vorteile darauf verzichten.

Die Logik will, das der Mann im Gelben Trikot auch das Zeitfahren gewinnt. Die Strecke ist etwas schwerer als der erste Kampf gegen die Uhr in Lorient, und vor allem wird Armstrong noch mal allen beweisen wollen, dass er auch im Zeitfahren der Beste ist. Joseba Beloki muss sich auch noch mal lang machen, um in Paris nicht wieder links von Armstrong zu stehen. Er will ja da stehen, wo Jan Ullrich im letzten Jahr stand: rechts, als Zweiter.

Ein wahrer Fanatiker im Hinblick auf Technik ist Mr. Armstrong. Um das Gewicht des Lenkers um rund 300 Gramm zu verringern, wurden eigens Techniker beauftragt, die ein perfektes Karbonteil hinzauberten. Ganz wie in der Formel 1 wird auch bei der Tour überall getüftelt. Das Problem im Radsport ist die Bezahlbarkeit der Hightechentwicklungen, denn die Budgets der Radteams bestehen zu 90 Prozent aus Gehälter für Fahrer und Betreuer, und die anderen 10 Prozent gehen für Reisekosten, Instandhaltung des Fuhrparks und ähnliche Dinge drauf. Schaut man sich Michael Schumacher an, verdient der zwar soviel wie die ersten 20 der Radsportweltrangliste zusammen (eher mehr!), aber der Löwenanteil des Budgets bei Ferrari ist für Forschung und Technik reserviert.

Suche nach der perfekten Position


Auch viele Radprofis waren auch schon mal im Windkanal, aber dort geht es nicht nur um Aerodynamik. Die perfekte Position wird auch unter Berücksichtigung der Biomechanik bestimmt. Denn man ist zwar aerodynamischer, wenn man ganz flach auf dem Zeitfahrrad "liegt", aber man kann nicht mehr rund treten und die optimale Kraft aufs Pedal bringen.

Wer hat nach den drei Wochen "Vollpension" in Frankreich überhaupt noch Kraft, werden wir erst wissen, wenn der letzte Fahrer im Ziel ist. Im Normalfall ist das Armstrong, aber wenn er richtig schnell unterwegs ist, kann er auch den drei Minuten vor ihm startenden Beloki einholen.

Nach der Etappe gibt es den letzten Transfer mit dem TGV vor die Tore von Paris. Noch einmal schlafen, einmal fahren und schon ist wieder eine Tour de France vorbei.

Bis morgen

Ihr Marcel Wüst