Der Etappenhase: Die Lust an der Solo-Nummer - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Die Lust an der Solo-Nummer

Das CSC-Team ist die wohl wildeste Crew im Feld der diesjährigen Tour de France. Gleich zwei Fahrer, der Däne Jakob Piil und Jens Voigt aus Deutschland, attackieren bei jeder Gelegenheit. Auch heute, beim bergigen Ritt rauf nach La Mongie, werden die passionierten Ausreißer vermutlich wieder ihr Glück versuchen.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Castelsarrasin - Bei der ersten Bergankunft dieser Tour spielen die Sprinter keine Rolle. Aber es gibt Fahrer, die sich in den ersten zehn Tagen der 91. Frankreich-Rundfahrt immer wieder gezeigt haben und die auch heute davon träumen, eine solche Bergankunft zu gewinnen. Dafür muss man vor allem zwei Dinge mitbringen. Zum einen viele Kraftreserven. Zum anderen ist es von Vorteil, in der Gesamtwertung weit zurückzuliegen. Dann besteht keine Gefahr, dass die Tourfavoriten nervös werden oder dass das Brioches-Team des derzeitigen Spitzenreiters Thomas Voeckler Druck macht und nachsetzt.

Ein Mann der ersten Woche war der Däne Jakob Piil, derzeit Fünfter mit 7:43 Minuten Rückstand. Immer wieder versuchte der CSC-Fahrer sein Glück in den Fluchtgruppen, wurde aber noch nicht belohnt. Er ist der Radprofi im Feld, der die meisten Ausreißkilometer auf seinem Konto hat; derzeit sind es genau 551. Und Piil bekam nach seinen Tagen an der Spitze auch die Rückennummer für den angriffslustigsten Fahrer. Die war in den vergangenen Jahren immer rot, nun ist sie blau, aber das tut eigentlich nichts zur Sache, etwas Besonderes ist diese Rückennummer allemal.

Leider ist es viel zu oft so, dass die unermüdlichen "baroudeurs", wie die Ausreißer in Frankreich heißen, kurz vor dem Ziel noch eingeholt werden und die Etappe nicht gewinnen. Dass sie trotz der Misserfolge schon bald wieder versuchen, es auf eigene Faust zu schaffen, spricht für deren mentale Stärke. Die meisten Fahrer, die am 25. Juli in Paris ankommen, werden sich während der Tour nicht so in Szene gesetzt haben wie Piil oder dessen Teamkollege Jens Voigt, der mit einem Rückstand von 13:46 Minuten 45. des Gesamtklassements. Der 32-Jährige brachte es bei der diesjährigen Tour auf bislang 279 Ausreißkilometer.

Bisher konnten beide als Hauptfeldflüchtige eine Etappe bei der Tour de France gewinnen. Voigt war 2001 in Sarran dran, Piil triumphierte vergangenes Jahr in Marseille. Die Gewissheit, dass es klappen kann, bestärkt diesen Typ Fahrer darin, es immer wieder zu tun. Die Ausreißer fahren damit natürlich wertvolle Werbeminuten für ihren Sponsor heraus. Wenn es bei 20 Versuchen, eine Etappe zu gewinnen, einmal klappt, ist es, wie der ehemalige Tour-Profi Jacky Durand einst sagte, "eine gute Quote". Auch der Franzose gewann als Ausreißer Tour-Etappen und sogar die Flandern-Rundfahrt. Die "barodeurs" haben auf Grund fehlender Sprintstärke und Schwächen in den Bergen gar keine andere Wahl, als sich durch die mühsamen Ausreißversuche zu profilieren.

Was es heißt, ein Ausreißer zu sein, habe ich auch einmal am eigenen Leib erfahren. Als ich unbedarft einen Angriff eines Spaniers auf der ersten Etappe der Katalanischen Woche parierte, ließ man uns gewähren, und wir fuhren einen Maximalvorsprung von acht Minuten heraus. Als bei meinem Wegbegleiter die Kräfte schwanden, hatte ich noch 50 Kilometer über extrem welliges Terrain zu bewältigen, bei einem Vorsprung von knapp sechs Minuten war die Hatz im Feld eröffnet. Ich quälte mich wie nie zuvor, und mit 19 Sekunden Vorsprung erreichte ich als Sieger das Ziel und bekam als Belohnung das Gelbe Trikot.

Klasse, mag man denken, aber dieser Tag mit den 144 Kilometern vorne im Wind und am Leistungslimit, machte mir noch schwer zu schaffen. Am nächsten Tag fuhr ich im Grupetto hinterher, wurde am übernächsten total abgehängt und gab schließlich während der ersten Bergetappe auf. Mein Körper war total ausgelaugt. Nach dieser Erfahrung beschloss ich, bei meinen Leisten zu bleiben, denn Sprinten kann man täglich - allerdings nur, wenn man dafür geboren ist. Aber seit diesem Tag sind die immerfort attackierenden Fahrer, die es während einer Rundfahrt Tag um Tag versuchen, in meinem Ansehen enorm gestiegen.

Wenn heute ein Rennfahrer mit einigen Minuten Vorsprung in den Aufstieg nach La Mongie kommt, kann er zumindest davon träumen, dass er es bis oben als Sieger schafft. Voigt oder Piil wären da schon Fahrer, die man erwarten kann. Ich glaube zwar nicht, dass sie es schaffen, aber der "baroudeur" glaubt an sich und seine Chance, sei sie auch noch so klein. Deshalb versuchen sie es immer wieder. Sie sind eine ganz eigene Spezies - und bei der Tour das Salz in der Suppe.

Bis morgen, Ihr Marcel Wüst

P.S.: Auch bei dieser Tour wird Marcel Wüst gerne Ihre Fragen beantworten. Unter dieser Mailadresse  erreichen Sie unseren Experten. Die Antworten gibt Marcel Wüst am kommenden Montag, dem zweiten und letzten Ruhetag der 91. Tour de France.