Der Etappenhase: Dieser verdammte Wind - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Dieser verdammte Wind

Die tägliche Kolumne von Marcel Wüst zur Deutschlandtour. Heute: Wer Windwiderstand und Schwerkraft am besten trotzt, gewinnt das Einzelzeitfahren am Samstagnachmittag (und vermutlich auch die ganze Deutschlandtour).
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nach den vielen Spurtankünften der vorherigen Etappen freuen wir Radsportfans uns auf das Einzelzeitfahren am Nachmittag. Okay, Samstagmittag kam ein Ausreißer durch, aber es war ja auch nur Halbetappe.

Sicherlich werden die 27 Kilometer gegen die Uhr von Weinheim nach Heppenheim eine Vorentscheidung bringen. Wahrscheinlich steht nach dem Zeitfahren sogar der endgültige Ausgang der Deutschlandtour fest.

Über das Zeitfahren, das ja auch als "Stunde der Wahrheit" bezeichnet wird, muss man wissen: Es gibt keinen Windschatten, von dem man profitieren könnte, oder gar einen Mannschaftskollegen, der einem zur Seite steht, wenn es eng wird.

Es geht nur alleine gegen die Uhr, gegen die Schwerkraft, wenn es einmal hochgeht, und gegen den Windwiderstand. Normalerweise gewinnt derjenige, der die meiste Kraft in den Beinen hat. Aber es ist auch wichtig, auf seinem Rad die ideale Position zu haben, um einen dieser Faktoren, nämlich den Windwiderstand, minimieren zu können.

Windkanal-Testfahrten und Aerodynamik

Es gibt Fahrer, die im Windkanal testen, ist doch der Kampf gegen den Windwiderstand das, was beim Radfahren am schwersten ist. Immerhin vervierfacht sich die Kraft die man aufwenden muss, um die Geschwindigkeit zu verdoppeln. Da ist Aerodynamik auch im Radsport auf jeden Fall ein Thema.

Andere lassen sich ergonomisch vermessen, um daraus die beste Sitzposition errechnen zu lasen. Dann gibt es wiederum jene, die ihre Position so lange verändern, bis sie nach vielem Ausprobieren so sitzen, dass sie sich wohl fühlen.

Wenn man ein Einzelzeitfahren bestreitet, fährt man nach ausreichendem Warmfahren meist vom Start bis ins Ziel an der Leistungsgrenze. Ich kenne keinen, der sich mit 12 Millimol Laktat in den Beinen und einem Puls von 180 und mehr noch wohlfühlen kann. Ich kann das jedenfalls nicht!

Man kann es nicht allen recht machen

Ach ja, bevor ich es vergesse. Wegen der großen Menge an Spurtentscheidungen gab es kritische Stimmen hinsichtlich der Streckenführung. Klar, immer nur Massenankünfte sind nicht das Gelbe vom Ei. Aber wenn man in Hamburg startet, kann man halt keine Bergetappe fahren lassen.

Dass es sicherlich für mehr Abwechslung gesorgt hätte, im Harz ein paar richtig dicke Brocken, im wahrsten Sinne des Wortes, einzubauen, wird wohl keiner ernsthaft bestreiten wollen. Aber man hat bei der Auswahl der Etappenorte nicht immer die Chance, allen alles recht zu machen.


Bis morgen

Marcel Wüst