"Der Etappenhase" Eine Siesta, die sich gewaschen hat
Vaison-la-Romaine - Am Sonntag haben Lance Armstrong und auch Michael Schumacher ihre Pflicht getan. Wer Armstrong den Mont Ventoux heraufstürmen sah, hegt keine Zweifel, dass daran auch ein Jan Ullrich nichts hätte ändern können.
Am Montag steht hingegen für alle Fahrer der verdiente zweite freie Tag an, der gleichzeitig der erste richtige Ruhetag dieser Frankreich-Rundfahrt ist. Denn vergangenen Dienstag, als der erste etappenfreie Tag der diesjährigen Tour anstand, war eigentlich ein Transfertag. Es wurde zwar keine Etappe gefahren, aber morgens mussten alle früh raus und in den Flieger. Dann zum Hotel, Essen, Trainieren, Massage und so weiter. Also Hektik pur und kaum Zeit zur Erholung.
Heute ist das aber zum Glück nicht so. Nach dem Aufwachen müssen keine Koffer gepackt werden. Auf dem Programm steht erst mal Ausschlafen, Frühstück, dann ein oder zwei Stunden Training, leichtes Mittagessen. Anschließend gibt es eine Siesta, die sich gewaschen hat.
Später bleibt vielleicht noch Zeit für das gute Buch, das während der Tour wegen Zeitmangels und körperlicher Erschlaffung viel zu kurz gekommen ist. Viele Fahrer hören auch einfach nur Musik und widmen sich ihren Computerspielen. Oder es gibt ein Treffen mit der Familie.
Auch die Massage ist heute ausgiebiger als sonst. Es bleibt endlich Zeit, alle Wehwehchen zu behandeln, ohne dass man erst um 22 Uhr zum Abendessen erscheint. Da keine Autotransfers drohen, haben sogar die Masseure und Mechaniker Gelegenheit, einiges zu erledigen. Endlich können die schmutzigen Klamotten gewaschen oder die schon lange überfälligen Postkarten mit Fahrerautogrammen verschickt werden.
An freien Tagen wie heute gibt es zwar auch viel zu tun, aber es ist alles viel stressfreier und lockerer. Für mich gibt es allerdings keinen Ruhetag, denn heute bin ich mit einem Kamerateam unterwegs, um mit meinem Ex-Zimmerkollegen Joseba Beloki einen Beitrag für das deutsche Farbfernsehen zu machen.
Zum Zeitvertreib werde ich heute auch mit den Once-Fahrern aufs Rad steigen und mit ihnen deren Ruhetagspensum abstrampeln. Ich glaube, das könnte ich gerade noch schaffen. Anschließend ist es aber vorbei mit der Muße, denn ich muss abends noch nach Les Deux Alpes, wo am Dienstag auf 1650 Metern Höhe die 15. Etappe enden wird. Zum Glück muss ich nicht mit dem Fahrrad rauf. Ich darf das Auto nehmen.