Der Etappenhase: Eva Herman im gelben Blazer - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Eva Herman im gelben Blazer

"Der Etappenhase" - die tägliche Tour-Kolumne von Marcel Wüst bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Sprinter Erik Zabel hat am Montag auf dem Weg nach Saarbrücken die große Chance, die Führung im Gesamtklassement zu übernehmen. Das wäre eine Leistung, die in Deutschlands Nachrichtensendungen entsprechend gewürdigt werden sollte.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Luxemburg - Das erste Gelbe Trikot der Tour 2002 hatte die Schultern gefunden, auf denen es die Tour 2001 beendete. Mr. Lance Armstrong hat gezeigt, dass er es ernst meint mit Sieg Nummer vier. Dabei war der Prolog auf einer Strecke zu absolvieren, die ihm nicht besonders liegt. Es war zwar nicht wirklich vorgesehen, dass er schon am ersten Tag in Gelb fährt, aber es ist ja auch einfach, ein Gelbes Trikot wieder abzugeben. So wie er es am Sonntag getan hat. Armstrong wollte das Team nicht zu früh in der Tour unter Druck setzen, "le maillot jaune" verteidigen zu müssen. Das ist nämlich ganz schwere Arbeit, weil alle so scharf sind auf das Trikot aller Trikots.

Dass Armstrong es sich am ersten Tag holte, lag auch daran, dass seine Frau Kirsten im Materialfahrzeug des Teams hinter ihm herfuhr - für Lance eine extra Motivation. Er weiß auch, dass sein Sohn Luke den Daddy am liebsten im "yellow jersey" sieht. Aber genug Prolog jetzt, denn mittlerweile geht es um die ersten Etappensiege. In den nächsten Tagen stehen die Sprinter im Mittelpunkt.

Der Blick aufs Ergebnistableau zeigt, dass alles ganz eng zugeht. Zwischen den Topfavoriten auf Sprintsiege O'Grady, Zabel, Freire und McEwen liegen nur wenige Sekunden, und es gibt auf allen Etappen vor dem ersten Ruhetag immer 38 Sekunden Zeitgutschriften zu gewinnen. Bei den jeweils drei Sprintwertungen 6, 4 und 2 Sekunden sowie 20, 12 und 8 Sekunden beim Etappenziel für die ersten Drei.

Da werden vor dem Start beim Teammeeting Strategien gemacht, verworfen und verbessert, aber trotz allem muss immer flexibel reagiert werden, denn nicht alle Rennsituationen sind planbar. Ausrechnen kann sich allerdings jeder, nach der ersten, zweiten und schließlich dritten Sprintwertung, wo man vor dem alles entscheidenden Etappenendspurt liegt. Wenn man vorne ist, virtuell in Gelb, dann lastet allerdings ein Riesendruck auf jedem Sprinter.

Des Sprinters kurzer Traum vom Gelben Trikot


Was ist, wenn der Konkurrent, der nur vier Sekunden Rückstand hat, einen im Sprint um den Etappensieg schlägt und die 20 Sekunden Zeitgutschrift kassiert? Dann ist das Trikot weg. So nah dran und weg - vielleicht für immer? Oder geht es morgen besser aus? Alle diese Fragen rund um das Gelbe Trikot stellt man sich während einer Etappe als Sprinter und das über mehrere Tage. Und mehrere Tage heißt es dann Bangen und Hoffen.

Allerdings währt diese Hoffnung bei jeder Tour de France immer nur kurz, da spätestens nach dem Mannschaftszeitfahren am Mittwoch die Gesamtwertung komplett umgekrempelt wird.

Der Druck, dem Erik Zabel jetzt ausgesetzt ist, ist riesig. Wie bombastisch wäre der Empfang auf der Etappe nach Saarbrücken, wenn das Geburtstagskind von Sonntag dort als Führender der Tour de France ankäme. Nicht zu toppen? Oh doch, höre ich mich sagen, denn was gibt es Schöneres als im Gelben Trikot dann auch noch die Etappe zu gewinnen...

Ein Traum, aber bei seiner Klasse sehr realistisch. Also bitte Daumen drücken, dass Eva Herman die Tagesschau im gelben Blazer liest und Ulrich Wickert bei den Tagesthemen eine gelbe Krawatte trägt. Der deutsche Radsport kann positive Schlagzeilen jetzt brauchen.

Ihr Marcel Wüst