Der Etappenhase: Fertigmachen zum Prolog - DER SPIEGEL
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Der Etappenhase Fertigmachen zum Prolog

"Der Etappenhase" - die tägliche Tour-Kolumne von Marcel Wüst bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Der Fall Jan Ullrich und warum ein gutes Abschneiden beim Tourauftakt wichtig ist.
Von Marcel Wüst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wieder die Tour de France und wieder Marcel Wüst als "Etappenhase". Die Dinge wiederholen sich im Leben, aber bei Sachen, die Spaß machen, ist das ja schön. Deshalb freue ich mich, auch in diesem Jahr meinen Senf zum größten Radrennen der Welt abgeben zu dürfen.

Es geht zwar los, aus deutscher Sicht allerdings nicht so, wie man sich das vorgestellt hatte: Jan Ullrich ist nicht nur verletzt zu Hause, sondern jetzt auch mit einer Dopingproblematik konfrontiert, deren ganze Tragweite für Radsport in Deutschland noch gar nicht abzusehen ist. Auch "mein" Team Coast, bei dem ich für Medien und Kommunikation verantwortlich bin, ist nicht dabei, obwohl wir gerade auf Platz vier der Weltrangliste notiert werden. Das ist mehr als unerfreulich, und gerade, was Jan Ullrich betrifft, habe ich mich selten so ratlos einer Radsportsituation gegenüber gefühlt. Aber was auch immer passiert: "Le Tour must go on", und darüber will ich schreiben.

Der Prolog als solches ist ja eigentlich immer das Spannendste überhaupt. Für den Zuschauer, der erst nach der Zieldurchfahrt des als Letzten startenden Vorjahressiegers weiß, wer das begehrte gelbe Trikot tragen wird, und vor allem für die Fahrer. Erst nach den 6,5 Kilometern im Kampf gegen die Uhr ist sich jeder darüber im Klaren, was die Form, die man hat (oder glaubte zu haben) Wert ist.

Die Nervosität, die bei allen noch so erfahrenen Profis herrscht, ist auf der Tour einmalig. Der persönliche Druck, dem man sich als Athlet aussetzt, und das Wissen, dass Erfolge, aber auch Misserfolge unweigerlich medial um den Globus getragen werden, machen die Tour auch für die Fahrer zum absoluten "Nerven-Highlight".

So ein Prolog braucht deshalb auch die nötige Vorbereitung: Die oft kurvenreiche Strecke wird bei der ersten gemeinsamen Trainingsfahrt der Teams ausführlich inspiziert. Alle Kurven, Steigungen und Abfahrten nimmt jeder genau unter die Lupe, denn hier entscheiden Sekunden über Sieg und Gelb oder ferner liefen.

Natürlich wird auch die Konkurrenz der anderen Mannschaften argwöhnisch beäugt, denn alle trainieren ja auf der Strecke. Eine perfekte Vorbereitung ist deshalb auch kein Geheimnis mehr ist. Wie sitzt der Leader des anderen Teams auf dem Zeitfahrrad? Hat der weniger Fettprozente als ich? Was hat der wohl in der letzten Woche trainiert? Alle diese Fragen stellt man sich, aber wirkliche Antworten bekommt man nicht. Nur die Endzeit nach 6,5 Kilometer ist die einzige, aber auch ehrlichste Antwort, die jeder nach seinem Prolog bekommt, und für den weiteren Verlauf der Tour auch erst einmal die wichtigste.

Denn gerade in der ersten Tourwoche, wenn die hohen Berge noch so fern sind, träumt jeder davon mal, in einer Ausreißergruppe zu sitzen, die von den Favoriten nicht allzu ernst genommen wird. Wenn man dann beim Prolog schneller war als alle anderen aus eben dieser Ausreißergruppe, dann winkt nicht nur ein Etappensieg, sondern auch DAS gelbe Trikot, der Kindertraum aller, die als Teenager mit dem Radsport begonnen haben.

Wenn der erste Startschuss gefallen ist, dann fällt der Druck des Wartens von allen ab, von Fahrern, Betreuern, Zuschauern und allen anderen, die die Tour begleiten. Auch von mir.

Ich freue mich auf meine zweite Tour als Journalist...vive le Tour!!!

Ihr Marcel Wüst