Der Etappenhase Harmlose Küsschen? Nicht immer...
Das Schönste nach einer Tour-Etappe ist - neben der Tatsache, dass man sich mit jedem Tag dem Ziel in Paris nähert -, wenn man zu den Glücklichen gehört, die nach dem Zieleinlauf auf das Podium der Siegerehrung gebeten werden. Täglich werden dort oben die jeweiligen Etappensieger geehrt sowie die Führenden der vier Wertungen. Im Normalfall wissen natürlich die Träger der jeweiligen Trikots, dass sie nach der Etappe auf das Podium dürfen.
Das über den Fahrer hereinbrechende Prozedere ist dann immer das Gleiche. Man wird von einem Beauftragten der Société du Tour de France in Empfang genommen und in eine hermetisch abgeriegelte Zone hinter dem Podium gebracht. Außer Jean-Réné Goddart, dem radsportjournalistischen Urgestein Frankreichs, sind dort keine Medienvertreter zugelassen. Die von Goddart geführten Interviews werden aber selbstverständlich über das internationale Bildsignal auch auf die Fernsehschirme in Deutschland übertragen - mit Simultanübersetzung versteht sich.
Aber jetzt zurück zur Siegerehrung: Als Fahrer wartet man darauf, dass die zu der jeweiligen Zeremonie gehörenden jungen Damen auf das Podium gerufen werden. Dann tritt man durch eine Hintertür der legendären "Muschel" nach vorne und steigt die drei Stufen hoch. Streckensprecher Daniel Mangeas, seit fast 30 Jahren die Stimme der Tour de France, kündigt jeden Fahrer gebührend an. Für den Etappensieger gibt es von den schönen Frauen Blumen, eine goldene Plastikflasche Coca-Cola und die Siegerküsse, von jeder Dame zwei bis vier Stück. Danach wird einem diese Cola-Flasche sofort wieder abgenommen. Die Trophäe, die man im Austausch dafür bekommt, sieht genau so aus, ist allerdings um einiges kleiner - aus Plastik ist diese Flasche auch. Warum dies so ist, konnte ich bislang nie ergründen.
Bei Seriensiegern oder Fahrern, die ein bestimmtes Trikot länger tragen, kann es beim gemeinsamen Warten, auch schon mal zu Gesprächen mit den Mädels kommen. Meist geht es dabei um völlig belanglose Dinge. Aber wenn man bedenkt, dass es immer noch einige Fahrer und junge Damen gibt, die auf der Suche nach der großen Liebe sind, kann sich aus so einer kurzen Begegnung auch viel mehr entwickeln.
Emilie beispielsweise, die in den Jahren 2001 und 2002 immer den Träger des Gelben Trikots küsste, ist die Lebensgefährtin von Frankreichs Tour-Hoffnung Christophe Moreau vom Crédit-Agricole-Rennstall. Den durfte Emilie bei der Tour 2001 nach dessen Prologsieg in Dünkirchen einige Tage küssen, musste sich später aber auch mit den anderen Sieger beschäftigen. Christophe war das, wie er sagte, "total egal" (je m'en fous). In diesem Jahr ist Emilie zwar auch wieder für den Titelsponsor Crédit Lyonnais unterwegs, den Träger des Gelben Trikots habe ich sie in diesem Jahr aber noch nicht busseln sehen - vielleicht war es Christophe doch nicht so ganz recht. Ich werde ihn beim nächsten Treffen mal fragen, in wie weit er an der neuen Rolle von Emilie mitgewirkt hat.
Nach der Siegerehrung ist der Ablauf ebenfalls straff organisiert. Für den Etappensieger und den Träger des Gelben Trikots gibt es ein spezielles Areal, in dem fast alle Fernsehteams mit ihren Kameras warten und Fragen stellen können. Von da geht es in einen Wagen, der live mit einer Großleinwand im Pressezentrum verbunden ist. Diese vidéoconférence ist deshalb nötig, da es von Jahr zu Jahr mehr Journalisten gibt, die die Tour verfolgen. Die erforderlichen Räumlichkeiten für die schreibende Zunft sind oft mehrere Kilometer vom Ziel entfernt, denn ein Pressezentrum für über zweitausend Journalisten gibt es nicht an jedem Etappenziel. Die Journalisten stellen im Pressezentrum ihre Fragen, und die werden von den Fahrern mit Hilfe dieser Konferenzschaltung direkt beantwortet.
Nach der PK geht es weiter zum Wohnmobil des Tourarztes, wo die täglichen Dopingkontrollen stattfinden. Ein Kühlschrank mit kalten Getränken wartet dort, denn gerade bei Hitze wie in diesem Jahr hat man nicht immer das Bedürfnis, sofort das zu tun, was verlangt wird. Wenn der Etappensieger allen seinen Pflichten nachgekommen ist, haben die Mannschaftskollegen, die sofort nach der Etappe mit dem Teambus ins Hotel gefahren sind, gut und gerne eine Stunde Vorsprung. Trotzdem würde jeder vom Team gerne mit dem Spätankömmling tauschen. Und das nicht nur der Küsse wegen.
Bis morgen
Marcel Wüst