"Der Etappenhase" "He, Lance! Ich bin noch da"
Endlich sind die miesen Transitetappen durch das niemals flache Zentralfrankreich vorbei. Es ist das eingetroffen, was alle wussten: Für die Sprinter bleiben nur die beiden letzten Etappen. Alle anderen Tagessieger kamen aus den für die letzte Tour-Woche so typischen Ausreißergruppen.
Wer jetzt vor dem Zeitfahren noch dabei ist, kann auch damit rechnen, dass er über die Champs-Elysées rollen wird, außer man ist in einen dieser Stürze verwickelt, die in der letzten Woche häufig passieren. Dabei ist es nicht so, dass die Fahrer wegen der Strapazen unaufmerksam werden. Problematischer sind die engen Straßen, wenn es durch die Corrèze oder den Limousin geht.
So war am Mittwoch in einer Kurve die Tour gleich für sechs Fahrer beendet. Drei gebrochene Schlüsselbeine, ein Jochbeinbruch inklusive Gehirnerschütterung, eine gebrochene Hand und ein tiefer Schnitt an der Patellasehne lautete die traurige Bilanz - es ist leider so, dass Stürze zum Berufsrisiko gehören. Solange es nicht noch schlimmer endet, kann man eigentlich zufrieden sein. Aber der Augenblick selbst ist natürlich eine moralische Katastrophe, war man doch schon so gut wie in Paris.
Die "Stadt der Liebe" wollen alle erreichen
Nach Paris wollen auch die in der Gesamtwertung Führenden. Die fahren natürlich nur ganz vorne im Feld, um das Risiko so gering wie möglich zu halten, immer unterstützt von ihren Mannschaftshelfern. Rein rechnerisch ist natürlich kaum noch etwas für Jan Ullrich zu machen. Aber für das Einzelzeitfahren am Freitag wird er noch einmal alle Kraftreserven mobilisieren, um gegen Lance Armstrong noch einen Achtungserfolg zu erzielen und ihm zu zeigen: "He, Lance! Guck her, ich bin noch da. Und: Ich bin noch gut."
Das ist nicht nur für all die deutschen Fans von überragender Bedeutung, die sich nichts sehnlicher wünschen als einen Etappensieg "ihres" Jan, sondern auch für "Ulle" selbst. In Hinblick auf das nächste Jahr ist es schon wichtig, dass er nicht schon wieder von Armstrong in die Schranken gewiesen wird, sondern Mr. Texas klar zeigt, dass er ihn schlagen kann. So recht glaube ich aber nicht daran, dass Ullrich es packt. Lance wird auch das Zeitfahren gewinnen. Für Ullrich, Team Telekom und den deutschen Radsport wäre es schon hilfreich, wenn ich mich irren würde.
Solche Zeitfahren kommen natürlich all den angeschlagenen Fahrern zugute. Diesmal ist es leicht, im Zeitlimit zu bleiben, und kann so zwei Tage vor Paris noch einmal durchatmen. Vor allen Dingen die Sprinter werden so wenig Energie vergeuden wie möglich, folgt auf den Kampf gegen die Uhr doch "ihr" Wochenende. Kurze, flache Etappen, auf denen alle, die bislang zu kurzgekommen sind, noch einmal alles, was an Energie noch drin ist, rauspowern werden, um vielleicht doch noch auf dem Siegerpodest die schönen Frauen küssen zu dürfen.
Ihr und Euer Marcel Wüst