Der Etappenhase Hektisches Feilschen am Ruhetag
Die Tage nach den ersehnten Ruhetagen sind oft die schwersten, und ich denke, gestern haben fast alle Fahrer lediglich das normale Ausrollpensum von 90 Minuten absolviert. Schließlich wird das heutige Finale wieder ganz schön schwer.
Der Held dieser Etappe wird einmal mehr Thomas Voeckler sein, der sich seit der sechsten Etappe über das Gelbe Trikot freuen kann und damit viele Experten überrascht hat. Er hat in den Pyrenäen nahezu Übermenschliches geleistet, und die Tatsache, dass seine Mannschaft einen neuen Sponsor sucht, wird diese Suche vielleicht vereinfachen. Die Betonung liegt hier allerdings auf dem vielleicht, denn ob Voeckler bei seinem Team bleibt, ist noch nicht sicher.
Hoffnung, den Marktwert zu steigern
Es gibt einige Fahrer, die vor der Tour bewusst noch keine Verträge abschließen, denn durch eine starke Leistung beim Highlight in Frankreich kann ein Fahrer seinen Marktwert leicht vervielfachen. Das minimale Jahresgehalt für einen Radprofi im Angestelltenverhältnis liegt bei 18.000 Euro. Ist er Selbstständiger, dann hat er nach dem Reglement des Weltradsportverbandes UCI 27.000 Euro zu bekommen. Es gibt sicher einige Profis, die in diesem Jahr bei der Tour mitfahren und in diesen unteren Regionen liegen. Auf der Tour werden oft auch das Startgeld für die künftigen Kriterien klargemacht, das sind kleine Rundstreckenrennen, und wer Etappensieger war, oder wie Voeckler eine Nation in Trance versetzte, kann natürlich mit weit höheren Gagen rechnen, als jemand, der als "Auffüller" verpflichtet wird.
Der undankbare Job des Managers
Obwohl der Weltverband Vertragsunterzeichnungen erst ab September erlaubt, wird während der Tour schon sehr viel entschieden und unterschrieben. Die Manager der Fahrer treffen sich mit diversen Teambossen, oft spät abends oder an den Ruhetagen. Wenn Fahrer selber auf "Arbeitssuche" gehen müssen, finden morgens vor dem Start erste Gespräche mit den sportlichen Leitern anderer Teams statt. Die gibt es sowieso immer, aber manchmal geht es dabei nicht um Smalltalk oder Geschichten aus dem Radsportleben, sondern um gemeinsame berufliche Perspektiven.
Viele Fahrer haben zuletzt bei mir angefragt, ob ich sie nicht managen wolle. Da ich sechs Sprachen spreche und so gut wie alle im Radsportzirkus kenne (und umgekehrt!), wäre ich doch genau der richtige, meinten sie. Das mag zwar stimmen, aber dem großen Druck als Manager wollte ich nicht immer ausgesetzt sein. Hat man beispielsweise zehn Fahrer unter Vertrag und findet nur für sieben ein Team, dann kommt bei den drei verbliebenen Fahrern verständlicherweise schlechte Stimmung auf: "Warum der, warum nicht ich..." Das gleiche gilt für die Teams: Rät man einem Topmann bei vier Angeboten zu einem Team, ist man für die drei anderen Mannschaften sofort der Buhmann. Fazit nach fünf Jahren als Manager wäre wohl, dass man viele Menschen in dem Geschäft enttäuscht hätte und viele gute Beziehungen nicht mehr so gut wären. Also sollen das andere tun, nicht aber ich!
Andreas Klöden hat beispielsweise auch noch nicht bei T-Mobile verlängert, und im Augenblick ist er natürlich für viele Mannschaften interessant. Ein Podiumskandidat, der, wenn er es in Paris schafft, neben dem Toursieger zu stehen, seinen Wert noch enorm steigern kann. Oder, sollte er einbrechen und in den Alpen viel Zeit verlieren, eben seinen augenblicklichen Wert reduziert.
Probleme der Durchschnittsprofis
Deshalb fährt man auf der Tour nicht nur um Ehre und Sieg, sondern das ein oder andere Mal um viel mehr oder viel weniger Geld. Diese Überlegungen sind allerdings aus dem Rennen ausgekoppelt. Ich habe bisher noch keinen Fahrer kennen gelernt, der während der Etappe an den schnöden Mammon gedacht hätte. Aber abends im Zimmer oder mit dem vertrauten Masseur auf der Massagebank ist das schon ein Thema. Schließlich ist die Karriere eines Radprofis nur kurz, und nur wenige schaffen es in dieser Zeit so viel zu verdienen, dass es für immer reicht.
Viele der "Durchschnittsradprofis" - ohne das Wort negativ belegen zu wollen - haben nach ihrer Karriere enorme Probleme, ins normale Allerweltsleben zu finden. Geregelte Arbeitszeiten, die wesentlich länger sind als die Trainingseinheiten, weniger Bezahlung - da kommt schon einmal eine gewisse Unzufriedenheit auf, die manche ihr Leben lang nicht loswerden. Zum Glück sind das die wenigsten!
Bis morgen
Ihr Marcel Wüst