Der Etappenhase "Hey, was machst du hier eigentlich?"
Frage:
Wie haben Sie das Auftaktzeitfahren verdaut? McBoonen: Na ja, das war eine Pflichtübung. Man fährt zwar fast am Limit, aber da man sowieso eine Minute auf die Topleute verliert, hat es wenig Sinn, sich am ersten Tag schon die Beine müde zu fahren. Gelb für Sprinter ist trotz der Zeitgutschriften fast unmöglich - deshalb denke ich nur an die Sprintankünfte. Frage: Haben Sie sich eine Lieblingsetappe ausgeguckt? McBoonen: Nee, da nimmt man alles, was kommt. Die Zielankunft in Tours ist natürlich klasse. Dort ist die Zielgerade der Avenue de Grammont fast drei Kilometer lang, und ich war schon beim Klassiker Paris - Tours vorne mit dabei. Solche Zielankünfte sind fast allen Sprintern am liebsten. Es gibt zwar einige wagemutige Kamikaze-Fahrer, denen auch eine scharfe Kurve oder ein Kreisverkehr 200 Meter vor der Linie egal wäre; aber in Tours, und auch in Karlsruhe, da geht es zum Ziel ganz lange geradeaus. Dort muss jedes Team perfekt zusammenarbeiten. Frage: Was heißt das genau? McBoonen: Naja, als Sprinter lässt man sich in Position fahren, und versucht im Windschatten der Hinterräder der Teamkollegen Kraft zu sparen. Im Idealfall kann eine Mannschaft einen sogenannten Zug bilden und den Sprinter in einer Formationsfahrt bis 200 Meter vor den Zielstrich führen. Das hat den Vorteil, dass bei einem Tempo von gut 65 Stundenkilometern kein Konkurrent mehr in die Quere kommt. Man muss dann nur die Kraft haben, diese Taktik auch bis zum Schluss durchzuziehen, denn hinter dem "Zug" lauern die anderen Sprinter. Frage: Hat jeder Sprinter so einen Zug? McBoonen: Das weißt du doch. Nur ganz wenige Teams sind so gut, dass es fast immer klappt. Aber dass es auch ohne geht, haben wir beide doch schon bewiesen, oder? Frage: Wie wichtig ist für dich das Abschneiden bei der ersten Sprintankunft? McBoonen: Das Ergebnis ist das eine, das Gefühl das andere. Wenn ich gewinne, dann ist alles gut. Dann ist der erste Druck weg, und die Bestätigung, dass die Form stimmt, habe ich dann auch. Nur wer top ist, kann bei der Tour auch gewinnen. Trotz allem kann man auch mit einem fünften Platz zufrieden sein. Denn wenn man, durch welche Rennsituation auch immer, nicht die freie Bahn hatte, wie man es sich wünschte, dann ist es schon wichtig zu wissen, dass die Form eigentlich stimmt, um einen Sieg zu schaffen. Wenn du aber mit viel Glück Achter wirst und merkst, dass nicht mehr geht, dann kann die Tour auch frustrierend sein. Frage: Ihr Sprinter seid alle ziemlich lockere Typen - kannst Du erklären warum? McBoonen: Wahrscheinlich, weil wir erfolgsverwöhnt sind. Wenn du gut bist, gewinnst du jedes Jahr zehn Rennen - manchmal auch noch mehr. Das gibt Selbstvertrauen. Man steht oft im Mittelpunkt des Interesses, da gibt man sich nach einer Zeit so, wie man ist. Und wer ist nach einem Erfolg nicht locker drauf? Vielleicht ist es auch der Stress, unter dem wir bei den Zielankünften stehen. Harter Kampf, Mann gegen Mann, Risiko, Erfolgsdruck. Wenn die Ziellinie erreicht ist, dann fällt das alles von einem ab. Aber erst muss das Adrenalin verrauchen, ich hab schon Interviews kurz nach einer Zieleinfahrt gegeben, da war ich alles andere als entspannt. Frage : Wie steht es um die Sicherheit bei den Sprints? McBoonen : Welche Sicherheit? Es gibt doch keine. Knautschzone? Null. Ausrollen im Kiesbett? Fehlanzeige. Es wird ja auch immer schlimmer - Kreisverkehr hier, Verkehrsberuhigung dort. Manchmal frage ich mich: Hey, was machst du hier eigentlich?Zum Glück sind viele Stürze nicht so schlimm, wie sie aussehen. Trotzdem: Man ist immer wieder froh, heil im Ziel zu sein. Frage: Am liebsten als Erster wette ich. Viel Glück und danke für Deine Zeit. McBoonen: Klar doch, und jetzt gebe ich dir ein Bier aus, eines darf auch ich vor dem Schlafengehen trinken. Ihr Marcel Wüst P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen. Meine Antworten werden an den beiden Ruhetagen der 92. Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Der erste ist Montag, der 11. Juli, eine Woche später folgt der zweite. Ich freue mich auf drei spannende Wochen - bis morgen.